Worauf es bei der Eingewöhnung eines Pferdes beim Stallwechsel ankommt

Pferd Eingewöhnung Stallwechsel

So leicht es uns fällt, den Stall zu wechseln, so schwer fällt es dem Pferd.

Die Eingewöhnung an eine neue Umgebung nach einem Stallwechsel kann für manche Pferde rasch ablaufen, die meisten Pferde haben damit aber mehr oder weniger größere Probleme.

Pferde sind Gewohnheitstiere – täglich gleiche Abläufe geben Sicherheit, Situationssicherheit. Da Pferde in der Natur Beutetiere sind, das heißt von Raubtieren gefressen werden können, sind sie auf ein Maximum an Sicherheit gebunden, um ihr Überleben zu sichern.

Diese einfachen Strukturen in der Natur muss ein Mensch immer im Hinterkopf behalten, sobald er mit dem Lebewesen Pferd zu tun hat. Egal in welchen Situationen – es hilft ungemein, sich der Natur des Pferdes (ein Herden-, Flucht- und Beutetier) immer wieder bewusst zu werden. Dies hilft, schwerwiegende Missverständnisse in der Kommunikation zu verhindern.

Das Gewohnheitstier Pferd in einer neuen Umgebung

In jeder neuen Umgebung oder Situation in freier Wildbahn muss der Pferd in Sekundenschnelle abchecken, ob Gefahren lauern: Könnte sich hinter dem Busch ein Raubtier verstecken? Ist das Wasserloch da vorne frei von Krokodilen? Ist es seicht genug, um darin zu stehen oder ist der Untergrund gefährlich und Fohlen könnten steckenbleiben? Ist die Rundumsicht gewahrt, sodass herannahende Raubtiere früh genug erkannt werden können? Und so weiter …
Pferde in freier Wildbahn können ihr Überleben nur sichern, indem sie ständig ihre Umgebung scannen. Das Übersehen eines kleinen Signals (das Rascheln in einem Busch) kann verheerend sein: Der Tiger wird zu spät erkannt und kann sich im nächsten Moment das wehrlose Fohlen schnappen.
 
Auch wenn wir Menschen Pferde über Tausende von Jahren domestiziert haben, seine Instinkte aus ihm herauszuzüchten ist bislang (noch) nicht gelungen. Wir Menschen müssen lernen, mit dem Urinstinkt der Pferde nach Sicherheit umzugehen. Der Instinkt nach der Gewährleistung von Sicherheit steht in der Bedürfnispyramide von Pferden sogar an höchster Stelle – noch vor Futter und Wasser!
Sicherheit bietet auch die Herde: Eine intakte Herdenstruktur mit einem Leithengst und einer Leitstute gibt genauso Sicherheit für die niederrangigen Herdenmitglieder – an ihnen können sie sich orientieren, die anderen Herdenmitglieder bilden im Falle der Flucht vor einer Gefahr einen Schutzschild. Erst wenn ein Pferd vom Raubtier von der Herde separiert werden kann, ist es mehr oder weniger dem Tod geweiht. In der Herde ist jedes Pferd deutlich sicherer.
Wissenschaftlich geprüfte Informationen sowie sogar einen Online-Kurs zum Thema Herdenverbände, ihre Strukturen und Instinkte von Pferden bietet der bekannte Tierfilmer Marc Lubetzki an: https://marc-lubetzki.de/Masterclass
 
Diese Aspekte – Gewohnheitstier, Fluchttier und Herdentier – können unsere Pferde vor allem beim Verlassen von gewohnter Umgebung ganz schön stressen. Die Aufgabe von uns Menschen ist es, den Stress des Pferdes zu lindern, wenn es die gewohnte Umgebung (den Stall, den Reitplatz etc.) verlassen muss und in eine neue Umgebung kommt. Dabei fehlt dem Pferd die Absicherung durch gewohnte Herdenmitglieder und die sichere Umgebung, die bereits auf mögliche Gefahrenquelle gescannt wurde.
Die neue Umgebung muss also nun nach neuen Gefahren und möglichen neuen Herdenmitgliedern, die Schutz suchen, geprüft werden.

Hier kann der Mensch eingreifen und dem Pferd die Umgebungsänderung, wie es zum Beispiel bei einem Stallwechsel der Fall ist, erleichtern.

Aus meiner Sicht sind bei einem Stallwechsel eines Pferdes für eine frustrationsfreie Eingewöhnung (auf beiden Seiten!) folgende Phasen wichtig:

  • Phase 1: Vorbereitungsphase: Die Zeit vor dem Stallwechsel
  • Phase 2: Akutphase: Ein Tag vor dem Stallwechsel und der Stallwechsel selbst
  • Phase 3: Eingewöhnungsphase: Die Zeit nach dem Stallwechsel

In den jeweiligen Phasen kann der Mensch regulierend, vorbereitend, deeskalierend und richtungsweisend vorgehen, sodass das Pferd sich optimal in den neuen Stall und die neue Herde integrieren kann. Je umsichtiger, geduldiger, wohlwollender und verständnisvoller ein Mensch in diesen drei Phasen reagiert, umso entspannter verläuft die Eingewöhnung eines Pferdes bei einem Stallwechsel.

 

Pferd Eingewöhnung Herde
Bis ein neues Herdenmitglied so zufrieden und entspannt neben den anderen Pferden liegen kann, kann es Monate dauern.

Phase 1: Die Vorbereitungsphase
Die Zeit vor dem Stallwechsel

Aus meiner Sicht ist die Zeit vor dem Stallwechsel – egal ob aufgrund einer Teilnahme an einem mehrtägigen Lehrgang oder Turnier, einem Wanderausritt oder einem tatsächlichen Stallwechsel – die wichtigste.

Bereite ich das Pferd intensiv und umfangreich bereits auf den Umzug vor, erspare ich mir später viel Mühsal, wie ein unnötig gestresstes und damit krankheitsanfälliges Pferd sowie viele graue Haare und Nerven 😉

Wie kannst du nun aber dein Pferd optimal auf den Stallwechsel und die Eingewöhnung vor Ort vorbereiten?

1. Vorbereitendes Hängertraining

Meiner jahrelangen Erfahrung nach entsteht der größte Stress bei einem Stallwechsel bereits bei der Hängerfahrt in den neuen Stall. Kennt ein Pferd das Hängerfahren nur wenig oder gar nicht, ist natürlich schon allein das Verladenwerden und die Fahrt in eine neue Umgebung Stress pur. Wird das Pferd im schlimmsten Fall immer nur dann verladen, wenn es in eine neue fremde Umgebung kommt, sollte wohl völlig klar sein, dass das Pferd nur ungern einsteigt! Diesem Stress kann man ganz einfach vorbeugen: Verlade- und Hängertraining. Das heißt, steht ein Stallwechsel früh genug bereits fest, kümmere dich rechtzeitig erstens um ein entsprechendes Zugfahrzeug samt Fahrer mit den entsprechenden Fahrberechtigungen (E zu B oder C bzw. CE) und um einen der Größe deines Pferdes entsprechenden Hänger. Ich persönlich bevorzuge immer Doppelhänger, auch wenn ich meist immer nur ein Pferd verlade. Mein Pferd in einem schmalen Einpferdehänger umgekippt auf der Seite liegen zu sehen, war bei mir kein schlechter Alptraum!

Bist du dir bezüglich Hängertraining selbst noch sehr unsicher, dann hol dir lieber einen guten Trainer an deiner Seite, der deinem Pferd die Angst vor dem Hänger mit Geduld und genügend Sachverstand nehmen kann.

Erst kurz vor knapp Hängertraining zu machen oder gar erst zum Tag des Stallwechsels ein Pferd ohne Hängererfahrung zu verladen, kann nur in einem Desaster enden, weil man vom alten Stall weg MUSS. Das erzeugt unnötig Druck, der zu 100 Prozent vom Pferd übernommen wird und zurecht dann das Einsteigen in den Hänger verweigert!

2. Gewöhnung an unbekannte Reize

Die Gewöhnung eines Pferdes an für es unbekannte und fremde Reize sollte eigentlich in der soliden Grundausbildung eines Pferdes selbstverständlich sein. In Bezug auf die Vorbereitung eines Stallwechsels kann man aber gezielt Elemente in die Bodenarbeit und das Vertrauenstraining einfließen lassen, die da wären:

  • Bei Ausritten immer wieder mal unbekannte Wege entlang reiten – schon allein das Betreten eines Weges aus der anderen Richtung kann für viele Pferde bereits Alarmglocken läuten lassen …
  • Auf fremden Reitplätzen (z. B. in der Nachbarschaft oder im Zuge von Lehrgängen oder Turnieren) reiten.
  • Zu fremden Ställen in der Nähe spazieren, das Pferd dort in der Umgebung ein wenig umschauen lassen und vielleicht sogar grasen lassen. So verbindet es ungewohnte Umgebungen mit etwas Angenehmem.
  • Zuhause immer mal wieder vorsichtig von typischen Routinen und Mustern abweichen: Das Pferd bewusst mal an anderen Putzplätzen anbinden und satteln, mal für eine Nacht in einen andere Box stellen etc.

3. Vorbereitende Fütterung

Pferde, von denen man weiß, dass sie zu heftigen Stressreaktionen neigen, wie z.B. hoch im Blut stehende Pferde oder durch traumatische Erfahrungen geprägte, profitieren enorm von einer gezielten Fütterung von Kräutern und Zusätzen, die nachweislich einen entspannenden Effekt haben.
Hier seien nur als Anregung ein paar Heilkräuter genannt. Mit bewährten Kräutermischungen aus guten Versandhäusern macht man nie einen Fehler. Ganz sicher geht man aber immer, wenn man den Tierarzt oder einen Naturheilpraktiker nach Empfehlungen fragt, bevor man auf gut Glück Heilkräuter und Zusätze füttert.
Ich habe sehr gute Erfahrungen mit folgenden Heilkräutern und Zusätzen bei zu Stress neigenden Pferde gemacht. Optimal beginnst du mit der Fütterung bereits 3 bis 4 Wochen vor dem geplanten Umzug:
  • Magnesium von Dr. Weyrauch: Magnesiummangel bei Pferden führt nachweislich zu Unruhe- und Angstzuständen. Vor allem Pferde, die viel geritten und trainiert werden, sollten regelmäßig auf ihren Magnesiumspiegel (Blutbild!) geprüft werden. Verspannungen und Muskelverhärtungen können Folgen von Magnesiummangel sein.
  • „Stresskräuter“ oder „Entspannungskräuter“ von z.B. pernaturam, Makana oder Krauterie. Hier werden vor allem Heilkräuter wie Baldrian, Hopfen, Melisse sowie Kamille verwendet.
  • In Absprache mit einem guten Homöopathen oder Tierheilpraktiker können auch auf das Pferd abgestimmte Globuli oder Schüsslersalze helfen.
  • Futterzusätze für stressgeplagte Pferde, die dopingfrei sind, gibt es auch bei deinem Tierarzt nach Wahl.

4. Vermehrter Fokus auf Beziehungsarbeit

Ein Stallwechsel kann auch als Chance gesehen werden: Durch den Umgebungswechsel und den damit verbundenen Stress sowie den möglichen Verlust von pferdigen Kumpels sucht das Pferd vermehrt die Nähe zum einzig gleichbleibenden Bezugspartner: Das bist du! Nutze diese Chance bewusst, um bereits im Vorfeld deinem Pferd dich als Sicherheitsanker und Ruhepol anzubieten:

Vertrauensfördernde Bodenarbeitsübungen wie Gehen über Planen oder über Brücken hinweg (auch perfekt als vorbereitende Übungen fürs Hängertraining!) fördern das Vertrauen zwischen dir und deinem Pferd. Körperarbeit wie zum Beispiel aus der Tellington-TTouch-Methode, fördern Wohlbefinden und Stressresistenz deines Pferdes und bringen es in einen wohligen Allgemeinzustand, in dem es sich sicher fühlt. Außerdem findest du über Körperarbeit oder intensive Putzsessions heraus, was dein Pferd sehr gerne mag (z.B. Kraulen am Widerrist oder Ausstreichen der Ohren). Dieses Wissen kannst du dann in der stressigen Situation kurz vor dem Stallwechsel oder während der ersten paar Tage im neuen Stall direkt anwenden. Dein Pferd wird sich an diese wohligen Behandlungen erinnern und schneller wieder in einen ruhigen Zustand kommen.

Phase 2: Die Akutphase

Ein Tag vor dem Stallwechsel

Einen oder zwei Tage vor dem Stallwechsel solltest du alles für Tag X vorbereiten.
  • Hängergespann ist vorbereitet (Fahrer, Gefährt etc.)
  • Umzugskartons sind gepackt: Alle sieben Sachen sind gepackt bzw. hast du schon vor Tag X übersiedelt. So ersparst du dir zusätzlich Stress und hast am Tag des Stallwechsels genügend Zeit, dich um dein Pferd zu kümmern.
  • Auf sich selbst achten: Tu dir selbst etwas Gutes und gönn dir was: Je ruhiger du an Tag X bist, desto mehr kann sich dein Pferd auf dich verlassen!
  • Dein Pferd körperlich auslasten: Boxenkoller am Tag des Stallwechsels ist ein absolutes No-go. Mach also mit deinem Pferd noch ein ergiebiges Training, einen langen Ausritt oder eine Ausdauereinheit an der Longe. Hauptsache, dein Pferd ist entspannt, weil es körperlich ausgelastet ist, und hat nicht noch zusätzlich am Tag des Stallwechsels Hummeln im Hintern!
  • Vermeide unnötige Änderungen kurz vor dem Stallwechsel: Also bitte nicht kurz vor dem Stallwechsel dein Pferd noch in eine neue Box mit neuem Boxennachbarn übersiedeln, anderes Futter füttern oder andere aufreibende, aufregende Sachen machen. Je entspannter dein Pferd in den nächsten Tag startet, desto besser!
 

Tag X: Der Stallwechsel

Und dann ist der da: Der Tag des langersehnten Stallwechsels!

Vorab: Es ist wichtig, dass auch du so viel Ruhe und Gelassenheit an den Tag legst, wie du sie dir von deinem Pferd für diesen spannenden Moment wünscht. Es hilft also weder dir noch deinem Pferd oder allen anderen Beteiligten, wenn du hysterisch in Schnappatmung herumrennst und all nervös machst.
Wenn du eher der nervöse Typ ist, versuche am Tag des Stallwechsels noch etwas zu tun, was dir guttut: Yoga, eine kleine Wanderung mit dem Hund, ein ausgiebiges Frühstück etc. Wichtig ist: Du solltest Ruhe ausstrahlen. Ansonsten riecht dein Pferd den Braten, bevor es überhaupt ans Verladen geht!
 
Am Tag des Stallwechsel selbst, lege ich dir ans Herz, alles so zu planen, dass das ganze Prozedere erst am Nachmittag stattfindet – vorausgesetzt es besteht die Möglichkeit dazu.
So hast du noch genügend Zeit dein Pferd vorher zu bewegen. Und damit meine ich nicht einen gemütlichen Spaziergang an der Hand rund um den alten Stall, sondern ruhig ein ausgiebiges Training.
Je müder und ausgelasteter dein Pferd ist, desto weniger musst du dich in dieser eh schon stressigen Situation noch mit einem vor Boxenkoller herumhüpfenden Pferd herumärgern. Ist das Pferd körperlich gut ausgelastet, wird es sich weniger rasch von einem etwas nervöser als sonst wirkenden Besitzer verunsichern lassen noch vor der bevorstehenden Hängerfahrt und der Ankunft im neuen Stall.
 
Optimalerweise kennt dein Pferd jetzt bereits das Verladen und geht brav in den Hänger. Eine ruhige Hängerfahrt ohne abrupte Brems- und Lenkmanöver setze ich jetzt mal voraus, damit dein Pferd nicht unnötig zusätzlich gestresst am Zielort ankommt.
Vor Ort steigst zuerst du aus, nicht dein Pferd 😉 Damit meine ich, dass es besser ist, wenn du dich vor Ort erkundigst, ob die für dich reservierte Box (oder die Notbox in einem Offenstall) bereits vorbereitet ist. Optimalerweise bekommt dein Pferd am Abend im neuen Stall noch eine riesige Portion Heu mit Sichtkontakt zu den neuen Kollegen, sodass es bis spät in die Nacht mit Fressen beschäftigt ist und nicht später aus Hunger unruhig wird.
 
Spätestens jetzt solltest du abgeklärt haben, wie alles im neuen Stall abläuft:
  • Wann wird gefüttert? Was wird gefüttert?
  • Wie wird die Eingliederung in die neue Herde vorgenommen?
  • Wie lange muss dein Pferd in der Eingliederungs-/Notbox bleiben, bevor es in den Offenstall kommt?
  • Kann dein Pferd bereits am nächsten Tag auf ein Paddock mit Kontakt zu anderen Pferden?
Stelle sicher, dass dein Pferd zumindest eine Woche lang das gewohnte Futter vom alten Stall bekommt, um nicht noch Magen- oder Darmprobleme heraufzubeschwören. Am besten fütterst du ihm nach den Strapazen der Fahrt und des Stallwechsels jetzt eine angemessene Portion Mash, um Magen und Darm zu beruhigen.
 
Füttere die Kräuterzusätze ruhig noch ein bis zwei Wochen nach dem Umzug weiter. Besonders in der Phase nach dem Stallwechsel ist noch lange Zeit alles für dein Pferd ungewohnt. Eine zusätzliche Unterstützung seines Nervenkostüms durch Kräuter oder andere Zusätze schadet in diesem Fall nicht.
 
Vermeide es, nach der Ankunft deinem Pferd – vermutlich aus deiner  Vorfreude heraus – gleich alles zeigen zu wollen. Dafür hast du noch genügend Zeit in den nächsten Tagen und Wochen. Am Tag des Umzugs ist für dein Pferd jetzt erstmal wichtig, sein neues Zuhause – vorerst mal nur seine Box, seinen neuen Stall und gegebenenfalls ein paar Kumpels – kennenzulernen. Alles andere ist jetzt mal zweitrangig.
Bitte beachte, dass ich hier die Eingewöhnung bei Stallwechsel für Pferde beschreibe, die selten auf fremden Terrain unterwegs sind wie z.B. Lehrgängen, Turnieren etc. Diese Pferde sind meist überaus gestresst und nervös bei allen Veränderungen. Routinierte Turnierpferde oder andere Pferde, die mehrmals im Jahr auf Ausflügen mit dem Hänger unterwegs sind, akklimatisieren sich vor Ort sehr schnell und sind rasch zufrieden, wenn es im neuen Stall eine weiche Einstreu, was zum Fressen und Trinken sowie pferdige Kollegen gibt … Nichtsdestotrotz profitieren auch solche Pferde von einer sorgfältigen Planung von Stallwechseln und einer möglichst sensibel gestalteten Eingewöhnungsphase.
 
Pferd Stallwechsel Lehrgang
Durch regelmäßiges Teilnehmen an Lehrgängen kann man das Pferd an den Umgang mit ungewohnten Situationen und Umgebungen gewöhnen.

3. Phase: Die Eingewöhnungsphase

Die ersten Tage und Wochen im neuen Zuhause sind für das Pferd anstrengend und sehr aufregend: Täglich gibt es Neues kennenzulernen und zu entdecken. Allein ein anderer Fütterungsablauf bedeutet schon Unruhe: Womöglich wird früher oder später gefüttert als im alten Stall, das Heu schmeckt anders, das Wasser auch. Es gibt Stroh- statt Späneeinstreu etc. Was für uns so banal klingt, sind für Pferde schwerwiegende Dinge, an die es sich zuerst wieder gewöhnen muss.

Nochmals: Je dicker das Band zwischen dir und deinem Pferd ist und je sicherer und souveräner du es in der Vergangenheit durch ungewohnte und fremde Situationen gelotst hast, desto einfacher und unkomplizierter wird der Stallwechsel (und sei es nur für einen mehrtägigen Lehrgang). Übung macht in allem den Meister! Je öfter du in der Vergangenheit mit deinem Pferd in fremden Umgebungen warst, desto souveräner werdet ihr gemeinsam die spannende und aufregende Zeit der Eingewöhnungsphase meistern.

Wichtig ist in der Zeit nach dem Stallwechsel vor allem eines: Geduld, Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen

Ja, ich weiß. Ich wiederhole mich!

Lass dir in den ersten Tagen und Wochen nach dem Stallwechsel Zeit. Zeig deinem Pferd nicht gleich alles an einem Tag, sondern gewöhne es langsam an seine neue Umgebung. Zeig ihm an einem Tag zuerst den Putzplatz, gönne ihm eine ausgiebige Putz- und Krauleinheit und dann lass es wieder zu seinen Kumpels. Das Training (außer es ist ein routiniertes Turnierpferd) würde ich in den ersten ein, zwei Wochen mal hintanstellen. Ist dein Pferd noch zu wenig gesettelt in der fremden Umgebung, wird sich euer Training sowieso zuerst mal nur wieder auf entspanntes Bodenarbeitstraining, ein wenig Longenarbeit oder Spaziergänge zum Erkunden der neuen Umgebung beschränken.

Hast du das Gefühl dein Pferd fühlt sich ein wenig wohler, kannst du ihm mal die neue Reithalle oder den Reitplatz zeigen. Sei aber auch da immer einfühlsam und geduldig: Jede Ecke ist jetzt potenziell wieder ein neuer Ort für Raubtiere. Werde nicht ungeduldig mit deinem Pferd, wenn es in der Eingewöhnungsphase, die mehrere Monate, sogar bis zu einem halben bis ein Jahr dauern kann, vor bereits bekannten Dingen erschrickt: Es muss zuerst sondieren, ob Gefahr droht, deshalb ist dein Pferd in der ersten Zeit lieber übervorsichtig anstatt sich unnötig der Gefahr eines Raubtierangriffs aus der neuen, unbekannten Ecke der Stalleinfahrt auszuliefern (und das ist in jeder fremden Umgebung aus der Sicht eines Pferdes möglich!).

Wie lange dauert es, bis sich ein Pferd in einem neuen Stall eingewöhnt hat?

Diese Frage erreicht mich immer wieder.
Leider haben nur wenige Menschen ein Gefühl dafür, was es aus Sicht eines Pferdes bedeutet, aus einer intakten Herde (und sei es nur aus der intakten Konstellation zweier freundlicher Boxennachbarn und Paddockkumpels) gerissen zu werden.
 
Der Verlust der Herde (und für viele Pferde bedeutet „Herde“ leider nur das Vorhandensein von 1 oder 2 Boxennachbarn) kommt dem Pferd einer Todesszenerie näher: Ohne den sicheren Herdenverband ist es in der freien Natur Raubtieren ungeschützt ausgeliefert. Es ist auf sich allein gestellt und kann sich im Notfall nur selbst mit allen 4 Hufen gegen Raubtiere schützen. Es sind keine weiteren Augenpaare da, die die Umgebung nach Fressfeinden abscannen.
Ganz wichtig: Ein Pferd weiß nicht, dass es im neuen Stall auch eine neue Herde geben wird.  Es kann nicht in die Zukunft sehen. Es lebt im Hier und Jetzt und weiß aktuell nur eines: Es wird von seiner Herde getrennt! Und das bedeutet Angst, Stress – manchmal sogar Todesangst.
Das erklärt wohl auch, warum viele Pferde, die nicht mit genügend Verständnis an das Verladen und Verlassen des Stalles bei Ausritten herangeführt wurden, derart panisch werden und hysterisch wiehern oder sich losreißen und zurück zum Stall rennen.
 
Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Die Eingewöhnungsphase nach einem Stallwechsel kann je nach Temperament und Charakter eines Pferdes mehrere Monate, wenn nicht sogar ein ganzes Jahr dauern!
 
Mein Sensibelchen Cento hat lange Zeit nach seinem Umzug in unseren eigenen Stall mit Unsicherheit und teils panisch reagiert. Bereits das Anbinden an einem anderen Putzplatz brachte ihn aus dem Konzept, das Weggehen von der Herde war ein heilloses Losreißen und Zurückrennen und wenn seine Iman wegwar, wurde er sowieso kopflos.
Mit viel Geduld und Rücksichtnahme kann ich jetzt nach 1,5 Jahren sagen, dass er endlich angekommen ist und er sich pudelwohl fühlt.
 
Auch Indira, die bereits als junges Pferd zum Anreiten und später zum Beritt und für Turniere viel rumgekommen ist, hat sich in unserem Stall besonders schwer mit der Eingewöhnung getan: Sie kam von Boxenhaltung mit Weide in einen Offenstall mit Herde. Lange Zeit konnte sie sich nicht hinlegen und schlafen, was zusätzlich Stress bedeutete. Erst jetzt nach einem Dreivierteljahr haben wir das Gefühl, dass sie vollkommen in der Herde integriert ist, ruhig schläft und ihren Platz in der Herde und bei uns im Stall gefunden hat.
 
Gib deinem Pferd die Chance, in aller Ruhe die neue Umgebung, neue Menschen und Situationen kennenzulernen. Als Gewohnheitstiere steht für Pferde Sicherheit an oberster Stelle: Misstrauisch wie sie als Fluchttiere nun mal sind, kann es schon seine Zeit dauern, bis es sich vollkommen an neue Situationen und Umgebungen gewöhnt hat.
 
Das Wichtigste ist in der Eingewöhnungsphase, dass du als Bezugsperson deinem Pferd Stabilität, Vertrauen und „Anlehnung“ bietest. So ein Stallwechsel kann Potenzial für etwas Neues und Tolles in eurer Beziehung bedeuten.
Nur weil dein Pferd in den ersten Monaten komische Dinge macht, dir „komisch“ vorkommt, bedeutet das nicht, dass eure Beziehung kaputtgegangen ist. Sie ist durch den Stallwechsel aktuell nur auf dem Prüfstand – und das lässt sich mit viel Geduld, Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen gekonnt und leicht meistern!
 

Wie hast du deinem Pferd einen Stallwechsel erleichtert?

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1 Comment

  • Melanie

    Hast du noch weitere Tipps für den Stallwechsel? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

    11. August 2020 at 11:20 Reply
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