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Gesundheit

  • Wie du die Macht deiner Weiblichkeit im Pferdetraining nutzen kannst

    Wer von uns Pferdefrauen kennt es nicht? In den Tagen vor den Tagen sollte dich keiner in der Stallgasse schief ansehen, es könnte ein Wutausbruch folgen. Während den Tagen reagierst du rasch emotional und fühlst dich ziemlich neben der Spur (von möglichen Regelschmerzen mal ganz abgesehen). Und dann sind da noch die Tage nach den Tagen, wo wieder alles Friede, Freude, Eierkuchen ist und du am liebsten die ganze Welt umarmen möchtest.

    Der weibliche Zyklus und das damit einhergehende Hormonchaos mit all seinen Ups and Downs hält uns Pferdefrauen ganz schön auf Trab.

    In diesem Blogbeitrag möchte ich darauf eingehen, wie du dieses Chaos in deinen Emotionen, deiner Gefühlswelt und deinem Körper durch Achtsamkeit wieder in den Griff bekommst und wie du die Macht der Weiblichkeit im Pferdetraining nutzen kannst.

    Frauen und „ihre Tage“ - unnötig aufgebauschtes Thema?

    Manche denken sich jetzt vielleicht: „Wieso bauscht Melanie denn dieses Thema so unnötig auf? Ich nehme die Pille … und die monatliche Blutung? Ein paar Tage bluten – na und?“

    Dazu kann ich dir sagen: Auch diese „Wurschtigkeit“ gegenüber den Tagen und dem weiblichen Zyklus kenne ich. Lange genug habe ich die Pille genommen und die paar Tage im Monate Bluten haben mich genau null und gar nicht aus der (Reit-)Bahn geworfen. Ich habe sie körperlich nicht mal gespürt. Kein Ziepen, kein Zerren im Unterleib gar nix.

    Was ich aber sehr wohl gespürt habe, war, dass ich an ein paar Tagen im Monat leicht reizbar war – und mich auch dementsprechend vermehrt mit Schokolade oder sonstigem Essen selbst besänftigen musste ;). In dieser Zeit konnte es passieren, dass mein Pferd schon mal einen unsanften Klaps bekommen hat, wenn es mir mal unsanft zu nahe kam, mich anrempelte oder sonst in meinen Augen „unachtsam“ war.

    Tabuthema Weiblichkeit: „Ist die wieder zickig - die hat sicher ihre Tage ...“

    Kennst du diese Tage? Wo dir gefühlt ständig eine Laus über die Leber läuft und dir sowieso jeder Mensch massiv auf den Wecker geht?

    Ich kenne diese Tage zuhauf. Als junges, ehrgeiziges Pferdemädchen musste an solchen Tagen mein Pferd meine Launen meist ausbaden. Da wurde härter trainiert, die eine Lektion vier bis fünf Mal öfter geritten, bis sie auch wirklich saß (obwohl sie das nie tat, weil meine Konzentration und Kraft und auch die meines Pferdes dahingeschmolzen war). Und da war man auch mal wenig zimperlich mit seinem Pferd: „Das muss er halt aushalten.“

    Ja, da war ich noch jung.

    Solche Tage gibt’s aber leider immer noch. Nur bin ich jetzt älter und (ein klein wenig) schlauer 😉

    An solchen Tagen gehe ich meinen Mitmenschen, wenn möglich, bewusst aus dem Weg. Und bin da dann lieber allein im Stall, sage Verabredungen zu Ausritten ab und – das habe ich über die Jahre gelernt! – bin nachsichtig mit mir und meinem Pferd.

    Opfer der weiblichen Hormone?

    Wenn der weibliche Zyklus uns Frauen „in seinen Klauen“ hält, um es mal ganz dramatisch auszusprechen, dann ist unser Organismus grad mit etwas sehr wichtigem Organischem in unserem Inneren beschäftigt.

    Wer die Pille abgesetzt hat (oder sie erst gar nie genommen hat), wird bemerkt haben, dass nach einer Phase des Chaos im Körper sich der Organismus einen schönen, fast auf den Tag genauen Rhythmus angewöhnt hat. Das macht es uns Frauen leicht, dementsprechend die Tage „rund um die Tage“ besser zu planen.

    So kannst du deine Pläne mit deinem Pferd auch entsprechend anpassen. So würde ich zum Beispiel meinem Pferd keine neuen Lektionen lernen oder anspruchsvolle Ausflüge (längere Ausritte, Auswärtstraining) zumuten, wenn ich merke, dass sich meine Tage ankündigen: Da bin ich psychisch immer sehr angeschlagen: Die kleinste Unregelmäßigkeit in meinem Alltag bringt mich aus dem Tritt, ich explodiere schnell und beschuldige meine Mitmenschen der Unachtsamkeit in läppisch sinnlosen Dingen. Und das sind dann genau diese Tage, wo ich mir oft im Nachhinein denke: Was bist du doch für ein unsensibler Trampel, warum bist du auch immer so grantig und zickig? Dieses Feedback bekomme ich dann auch oft von meinem Vater oder meinem Freund 😉

    Während der Menstruation, wo es mir während der ersten ein – bis manchmal sogar drei (!) – Tage wirklich schlecht geht, weiß ich, dass ich mit meinem Pferden nichts Großes anzustellen brauche. Da lass ich meine Pferde Pferde sein und gönne ihnen lieber eine Stunde länger Weide oder gehe mit ihnen nur spazieren. Ich bin da so mit mir selbst beschäftigt und muss mich um meinen Körper kümmern, dass ich keine Energie mehr habe, mich um meine Pferde in der Art und Weise zu kümmern, die mir sonst wichtig ist.

    Vielen denken sich jetzt vielleicht: Aber du hast doch Verantwortung für deine Pferde übernommen, bei gutem Wetter, bei schlechtem Wetter und auch wenn du krank bist oder es dir schlecht geht. Natürlich tue ich das. Ich tue für meine Pferde, meinen Stall und überhaupt für all meine Tiere alles. Aber es steht auch in meiner Verantwortung, dass ich mich um deren Seelenwohl kümmere und dazu gehört auch, dass ich mich dafür um MEIN Seelenwohl kümmere und ihnen eben NICHT meine schlechte Laune aufbürde und sie MICH aushalten müssen. Das würde auf Dauer unsere Beziehung negativ beeinflussen.

    Wie kannst du jetzt aber deine Weiblichkeit im Pferdetraining zur Macht werden lassen und sie nutzen?

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    Die eigene Weiblichkeit durch mehr Achtsamkeit zur Macht werden lassen

    1. Akzeptiere deine Weiblichkeit, nimm sie an, wie sie ist

    Klingt nach einer furchtbaren Floskel, aber: Du kannst es eh nicht ändern! Erst wenn du akzeptierst, dass das zur Natur von uns Frauen gehört, kannst du dich darauf einstellen, dich annehmen, wie du eben bist, wenn du in der Phase vor, während und nach den Tagen bist. Auch wenn dann dazugehört, dass du halt mal mies drauf bist, wegen nichts einen Heulkrampf bekommst oder die ganze Welt wegen nichts vor lauter Liebe umarmen könntest.

    2. Entschuldige dich nicht dafür, dass du „deine Tage“ hast und mal wieder „zickig“ bist. So kannst du bei dir bleiben statt dich von außen beeinflussen zu lassen

    Versuche trotzdem ein wenig Nachsicht zu haben mit deinem Umfeld: Deine Mitmenschen sollten dich schon noch aushalten können  Wenn jemand nachfragt, warum du denn „schon wieder so zickig“ bist, dann versuchs mal mit der Wahrheit: „Ich habe gerade meine Tage und fühle mich nicht wohl. Ich bitte um dein Verständnis, dass ich aktuell gerade nicht so belastbar und emotional durch den Wind bin.“ Ich bin mir sicher, dass du nur Verständnis von deinem Gegenüber bekommen wirst.

    3. Sei gütig mit den Stuten dieser Welt

    Immer dann, wenn du das Gefühl hast, deine Stute arbeitet heute mal wieder nur gegen dich: Vielleicht hat sie auch nur „ihre Tage“ und fühlt sich partout nicht wohl in ihrem Körper. Wie ein schief hängender Hormonhaushalt Stuten aus dem Konzept bringen kann, verrät dir Google: Einfach mal nach „Dauerrosse bei Stuten“ oder „Gebärmutterzysten bei Stuten“ suchen! Meine Menstruation ist mittlerweile (ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste) in den ersten ein, zwei (manchmal sogar drei) Tagen derart schlimm, dass ich ohne Schmerztablette nicht durch den Tag komme und mich mehrmals am Tag vor lauter Bauchkrämpfen ins Bett legen muss und mich mit Jin Shin Jyutsu und Wärmflasche grad und grad durch den Tag kämpfe …). Wenn meine zwei Stuten nur annähernd solche Schmerzen haben wie ich, wenn sie rossig sind, wundert es mich nicht, wenn sie an manchen Tagen im Jahr keine Leistung bringen, schlecht gelaunt sind und „neben der Spur sind“.

    4. Wenn du gerade in dieser Phase deiner Weiblichkeit bist, in der du dich klein, ungesehen und depressiv-melancholisch fühlst, plane keine Bäume auszureißen oder besondere Projekte anzugehen.

    Tritt kürzer, achte gut auf dich und berücksichtige, dass du während deiner Tage weniger belastbar bist als sonst. So beugst du sinnlosen Wutausbrüchen, emotionalen Streitereien und hilflosen Heulkrämpfen vor, die nachhaltig die Beziehung nicht nur zu deinem Pferd, sondern auch zu deinen Mitmenschen beeinträchtigen.

    Probiere mal aus, ob du an diesen besonderen Tagen im Monat mit deinem Pferd auch einfach mal nur NICHTS tun kannst: nur spazieren gehen, nur grasen, nur Wellness unterm Solarium, nur ein paar TTouches, nur Mash füttern und nur liebhaben. Und lass dir eins von mir versichern: Du bist deshalb keine schlechte Pferdebesitzerin! Du musst nämlich gar nichts, außer sein: Und nachdem du das mit dem „Frau sein“ gut über die Bühne gebracht hast, kannst du wieder die verantwortungsvollste, kompetenteste, beste Pferdebesitzerin der Welt sein

    5. Nutz deine Weiblichkeit dazu, auch die weiblichen Seiten im Pferdetraining hervorzuheben und zu pflegen

    Damit meine ich, deine Sanftheit, deine Fürsorglichkeit und deine Liebe auch zu zelebrieren. Also die speziell weiblichen Anteile am Pferdetraining. Was meine ich damit konkret?

    Probier zum Beispiel einmal aus, mit welch sanften Gesten du dein Pferd bewegen kannst (im Sattel und am Boden). Kannst du deine Hilfen derart verfeinern, dass du das Gefühl hast, dass du nur daran gedacht hast?

    Ein paar Ideen zum Thema Sanftheit findest du auch in meiner aktuellen „Inspiration für die neue Woche“:

    Hier lang zur Inspiration für die neue Woche zum Thema „Sanftheit“

    Wenn du noch mehr kurze, knackige Anregungen für die Beziehung und für einen entspannten, liebevollen Umgang mit deinem Pferd haben möchtest, dann melde dich zu meiner E-Mail-Liste an:

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    Die Macht der Weiblichkeit durch Achtsamkeit nutzen

    In den Tagen im Monat, in denen du dich unsterblich, kraftvoll und kompetent fühlst: Geh schwierige Themen mit deinem Pferd an. Übe zum Beispiel einen ruhigen Spaziergang, wenn du ein eher hektisch-nervöses Pferd hast und übe dich im Managen von stressigen Situationen. Übe schwierige Lektionen im Sattel, probiere eine neue Lektion aus usw.

    Hingegen tritt kürzer und leiser, wenn du dich in dieser Phase deiner Weiblichkeit befindest, wo du dich lieber in dein Schneckenhaus zurückziehen möchtest: Umsorge dein Pferd dann liebevoll, aber hör auch auf dich. Tu das, was sich gut für DICH anfühlt, nicht was dir irgendjemand im Stall einreden möchte, was jetzt gut für dein Pferd wäre. Alles, was du mit deinem Pferd machst, ist immer nur so gut, wie du dich selbst dabei fühlst!

    Lebe deine fürsorgliche Ader und deine überbordende Liebe während des weiblichen Zyklus zu 100 Prozent aus: Lobe dein Pferd überschwänglich, übertreib ruhig mal, verwöhne dein Pferd nach Strich und Faden. Stell dir die Beziehung zu deinem Pferd wie ein Konto vor: Je mehr du an solchen Tagen auf euer gemeinsames Beziehungskonto einzahlst, also dein HABEN füllst, desto weniger schwer fällt es ins Gewicht, wenn du an den anderen Tagen in deinem weiblichen Zyklus mal schlecht darauf bist und du auch mal etwas vom Konto abhebst, dir also mal etwas nicht gelingt oder du emotional unsensibel mit deinem Pferd umgehst.

     

    Ich hoffe, diese Tipps können dir helfen, die Macht deiner Weiblichkeit im Umgang mit deinem Pferd kraftvoll zu nutzen – und so auch die Beziehung zu deinem Pferd auf ein neues Level zu heben. Nämlich das der Intuition, des Zuhörens, der Sanftheit und der Liebe – alles Kompetenzen, die der weiblichen Seite in uns Menschen zugeschrieben werden 😉

  • Warum gutes Reiten biomechanisches Reiten sein sollte

    Sein Pferd bereits vor dem Reiten am Putzplatz auf seinen Job vorzubereiten und danach im Sattel biomechanisch korrekt zu reiten, macht aus den folgenden drei wichtigsten Gründen Sinn:

    • Das Nervensystem, die Muskulatur, sprich der gesamte Körper wird auf die kommende Bewegung vorbereitet. Das Putzen „wärmt“ den Pferdekörper sozusagen auf.
    • Beim genauen Beobachten des Pferdes werden mögliche Verspannungen, Verletzungen oder Unregelmäßigkeiten am Fell oder an den Gliedmaßen erkannt.
    • Kann das Pferd bereits am Putzplatz entspannen, ist dies ein guter Start für das gemeinsame Reiten im Anschluss.
    Wer als Reiter ein besseres Verständnis für die Zusammenhänge und Abläufe im Pferdekörper hat, wird auch besser verstehen lernen, wenn sein Pferd „seltsam“ reagiert oder nicht das tut, was man sich von ihm wünscht.
    Denn leider sind immer noch sehr, sehr oft versteckte Verspannungen, körperliche Defizite oder anatomische Auffälligkeiten die Gründe, warum viele Pferde sich beim Reiten verweigern und nicht so mitarbeiten, wie sie gerne würden.
    Deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, dass wir Reiter uns ein grundlegendes Wissen über die Anatomie des Pferdekörpers und die biomechanischen Abläufe in der Bewegung ohne und mit Reiter verschaffen. Antworten auf die Frage, wie sich Pferde denn ohne und mit Reitergewicht bewegen, liefern die Fachgebiete der Anatomie, der Biomechanik, der Biochemie und auch der Psychologie – vereint im biomechanischen Reiten.
    Über die Biomechanik des Pferdes unter dem Reiter wird immer mehr nicht nur in Fachkreisen gesprochen. Anatomisch korrektes, biomechanisch sinnvolles Reiten schont das Pferd und bringt es dazu, sich in schönster Manier unter dem Reiter zu zeigen – und das ist gut so. Die Lehre von der Bewegung von Mensch und Tier erforscht die Bewegung aus der Sicht der funktionellen Anatomie und der Funktionsweise der Muskulatur. Knochen, Gelenke, Sehnen, Muskeln, Faszien und viele weitere Strukturen müssen im Lebewesen Pferd korrekt zusammenarbeiten, damit sie unter dem Reiter ihr volles Potenzial und die gewünschte Leichtigkeit und Eleganz hervorbringen können.
     
    Je besser wir verstehen, was im Pferdekörper wann abläuft und warum es so abläuft, hilft uns, mit mehr Achtsamkeit, Liebe und Fürsorge auf so manches Problem im Sattel zu blicken – und vor allem bevor wir uns in den Sattel schwingen: Weil gutes Reiten eben am Putzplatz beginnt!
     
    Warum es wichtig ist, sein Pferd aus biomechanischer Sicht bereits am Putzplatz auf seinen Job als Reitpferd sinnvoll vorzubereiten, hat mir Biomechanik-Expertin und Tellington-Instruktorin Lily Merklin aus der Schweiz im folgenden Interview erklärt.
     

    7 Fragen an die Biomechanik-Expertin, Psychotherapeutin und Tellington-Instruktorin Lily Merklin

    Liebe Lily, magst du dich kurz vorstellen? Wer bist du, was machst du?

    Ich bin Psychotherapeutin, Körpertherapeutin und Tellington-Instruktorin für Pferde. Das klingt vielleicht nach einer etwas abenteuerlichen Mischung, aber ich habe einfach immer das gemacht, was mich am meisten interessiert hat. Dabei ist sicher von Vorteil, dass ich es liebe zu lernen.

    Lily Merklin Biomechanik
    Foto: Stefan Hiermaier

    Dein Spezial-/Lieblingsgebiet ist die Biomechanik der Pferde. Was fasziniert dich daran so?

    Der Körper ist für mich ein absolutes Wunderwerk. Vielleicht kennst du den Designleitsatz „Die Form folgt der Funktion“. Dieses Prinzip ist der Natur entlehnt, und unser Körper (und mit uns meine ich Menschen und Tiere gleichermaßen) beweist dies mit allen Strukturen. Wie Muskeln, Sehnen und Knochen zusammenarbeiten, damit Bewegung entstehen kann, ist einfach unglaublich. Ganz zu schweigen davon, dass wir irgendwie aus einem Ei und einer Samenzelle entstanden sind. Außerdem liebe ich es, mich zu bewegen, und bin fasziniert von der Schönheit, mit der viele Tiere und manche Menschen sich bewegen.

    Warum ist es so wichtig, sich als Reiter mit der Biomechanik von Pferden näher auseinanderzusetzen?

    Pferde sind ja aus anatomischer Sicht absolut nicht zum Reiten gemacht. Aber sie können uns trotzdem tragen, wenn wir anatomische und biomechanische Grundlagen beachten. Deswegen halte ich es für essenziell, dass alle Reiter sich damit beschäftigen.

    Der Begriff „Biomechanik“ schreckt viele Pferdeleute ab. Wie schaffst du es in deinen Kursen, diese trockene Theorie spannend in die Praxis zu übertragen?

    Unterrichten bedeutet für mich nicht, einen leeren Eimer zu füllen, sondern eine Flamme zu entfachen. Ich will Biomechanik spür- und erlebbar machen. Mir ist es nicht wichtig, dass die Teilnehmer danach die Namen von Muskeln oder Knochen können, sondern sie sollen ein paar grundlegende Prinzipien verstanden und ein Gespür für Anatomie und Biomechanik entwickelt haben. Wenn es mir gelingt, sie mit meiner Begeisterung anzustecken und neugierig zu machen, kommt der Rest von selbst.

    Welche biomechanischen Prinzipien sind aus deiner Sicht für gesundes Reiten am wichtigsten?

    Das wichtigste Prinzip ist vermutlich, dass alles mit allem verbunden ist. Und das gilt bekanntlich nicht nur für die Biomechanik. Beim Reiten kommt noch hinzu, dass Pferd und Mensch sich gegenseitig beeinflussen. Besonders offensichtlich wird das im Bezug aufs Gleichgewicht, wie jeder Reiter weiß. Womit wir schon beim zweiten Prinzip wären: Balance ist die Grundlage von Bewegung. Ein besonderer Verdienst von Linda Tellington-Jones [der Begründerin der Tellington-TTouch-Methode] ist sicher, dass sie der Pferdewelt den Zusammenhang zwischen körperlichem, geistigem und emotionalem Gleichgewicht nähergebracht hat. Wenn wir einem Pferd helfen, körperlich besser ins Gleichgewicht zu kommen, verbessert sich auch seine emotionale Ausgeglichenheit.

    Biomechanik des Pferdes
    Lily erklärt die Theorie zur Biomechanik des Pferdes spannend und informativ. Foto: privat.
    Biomechanik Pferd
    Biomechanik bedeutet Verständnis für die Wirkungszusammenhänge im Pferdekörper. Foto: Melanie Wimmer

    Was können Pferdeleute, egal ob Reiter oder nicht, tun, um ihr Pferd auf Dauer aus biomechanischer Sicht gesund zu erhalten?

    Das fängt sicher bei der Haltung an. Pferde sind Bewegungstiere und sollten neben Licht, Luft, gutem Futter und Freunden ausreichend Gelegenheit zur freien Bewegung haben. In der Ausbildung ist es wichtig, zu berücksichtigen, dass Faszien deutlich mehr Zeit zum Reifen brauchen als Muskeln. Wir müssen Pferde also sehr langsam auf ihre Arbeit, egal welcher Art, vorbereiten. Das gilt für ein erstes Anreiten oder Einfahren wie für spätere Neubeginne zum Beispiel nach einer Verletzung oder sonstigen Pause. Des Weiteren müssen wir dem Pferd immer helfen, seinen Körper für die von uns verlangte Arbeit optimal zu nutzen. Beim Reiten sei hier besonders das Zusammenspiel von Unter- und Oberlinie genannt. Und je schlechter wir reiten, desto mehr müssen wir für einen gesunden Ausgleich zum Beispiel in Form von Bodenarbeit sorgen.

    Mein Motto lautet „Weil gesundes Reiten am Putzplatz beginnt“: Wie würdest du aus biomechanischer Sicht das Pferd bereits am Putzplatz optimal aufs Reiten vorbereiten?

    Am wichtigsten scheint mir vom ersten Kontakt an das genaue Hinschauen und -hören zu sein: Wie geht es meinem Pferd heute? Wie bewegt es sich? Gibt es Auffälligkeiten? Und vielleicht auch: Wie geht es mir heute? Wie bewege ich mich? etc.
    Ich empfehle, das Putzen mit einem Erkunden des Körpers (in der Tellington-Methode „Body Exploration“ genannt) zu verbinden, das Pferd also bewusst abzustreichen, um Verspannungen, warme/kalte Stellen, Empfindlichkeiten und sonstige Auffälligkeiten zu erspüren.
    Und dann kann ich natürlich noch ein paar TTouches einfließen lassen, um das Pferd individuell vorzubereiten. Hier bieten sich aus biomechanischer Sicht vor allem das Beinkreisen und der Schweif-TTouch an, um das Gleichgewicht zu verbessern und die Wirbelsäule beweglicher zu machen. Individuell kann man dann zusätzlich auf die Bereiche eingehen, die mehr Aufmerksamkeit brauchen. Beim einen Pferd mögen das die Schultern sein, beim anderen der Hals oder die Hinterhand. Als zusätzlicher Bonus haben die TTouches auch noch eine positive Wirkung auf die Beziehung zwischen Tier und Mensch.

    Mehr zu Lily Merklin und ihrer Arbeit kannst du hier nachlesen: www.lilymerklin.de

    Die Übung Körper erkunden (auch Noahs Marsch oder Body Exploration genannt)

    Putzen ist für viele Pferde allerdings kein liebgewonnenes Ritual, bei dem sie sich entspannen, sondern genau das Gegenteil: Die Hälfte aller Pferde hasst es geputzt zu werden und zeigt deutliche Abwehrsignale, wie eine Studie herausgefunden hat.
    Eine schöne Möglichkeit, mit dem Pferd Kontakt aufzunehmen und eine Grundlage für angenehmes Putzen zu legen, ist die Übung „Körper erkunden“ oder Body Exploration, wie Lily es im Interview genannt hat.
     
    Lily erklärt das Körper erkunden (auch Body Exploration oder Noahs Marsch) wie folgt:
    Körper erkunden

    In der Tellington-Methode beginnen wir die Körperarbeit, nachdem wir ein Pferd begrüßt haben, in der Regel mit Noahs Marsch. Dabei handelt es sich um ein achtsames, bewusstes Abstreichen, das eine sehr „zuhörende Qualität“ hat. Meist benutzen wir dafür die flache Hand und können so Unterschiede in der Felltextur, Temperatur, Lebendigkeit des Gewebes, Muskelspannung etc. wahrnehmen.

    Vor allem aber achten wir darauf, wie das Pferd auf unsere Berührung reagiert. Verändern sich Atmung oder Körperhaltung? Entspannt sich das Pferd? Gibt es Stellen, wo es mit Abwehr reagiert? Dabei geht es wirklich schon um kleinste Anzeichen – eine Änderung der Ohrenstellung, des Blicks, der Kopfhaltung, einen tieferen oder flacheren Atemzug.

    Differenziert wahrnehmen und zuordnen können wir diese Subtilitäten nur, wenn wir langsam und achtsam über den Körper streichen. Wir achten dabei auf lange Linien, also zum Beispiel vom Genick über den Hals und die Schulter die Vorderbeine hinunter. Oder weiter von der Schulter über den Widerrist und Rücken bis zur Hinterhand. In der Regel streichen wir mit der Fellrichtung und nicht dagegen. Der Druck ist dabei eher leicht, aber deutlich.

    Versuche verschiedene Druckstärken und achte auf die Rückmeldung des Pferdes. Wenn du diese Übung zum täglichen Ritual machst, wirst du nicht nur dein Pferd besser kennenlernen, sondern kannst auch schnell reagieren, wenn sich etwas anders anfühlt als sonst.

  • Körperbandage fürs Pferd: Das musst du wissen

    „Was ist denn mit deinem Pferd? Ist es verletzt?“ 

    Diese Frage wird mir immer wieder gestellt, wenn ich meinem Pferd eine Körperbandage anlege oder ich bei Kunden bin, wo solche Methoden noch kritisch beäugt werden.

    Nein, ein Pferd, das eine Körperbandage (in der Tellington-TTouch-Methode auch Körperband genannt) trägt, ist nicht verletzt – es benötigt nur Unterstützung, besser zu verstehen, was wir von ihm möchten.

    Eine Körperbandage ist perfekt für ein Pferd,

    • das sehr schreckhaft ist und scheut
    • das Angst vor Dingen hat, die von hinten kommen
    • das überempfindlich auf den Reiterschenkel oder den Sattelgurt reagiert
    • das Probleme mit Engstellen hat (enge Gassen und Tore)
    • das sich nicht gerne verladen lässt
    • das beim Reiten unkonzentriert sind und sich rasch von Außenreizen ablenken lässt
    • zur Verbesserung der Hinterhandaktivität
    • das sich ungern am Kopf und an den Ohren angreifen lässt (vgl. auch Blogbeitrag Kopfscheues Pferd: Was tun?)

    Diese Liste ließe sich noch unendlich fortsetzen, aber ich denke, du hast einen Einblick erhalten, wofür die Körperbandagen eingesetzt werden können. Sie sind so vielfältig und umfassend in der Arbeit mit Pferden einzusetzen, dass es für mich fast keine Situation gibt, wo ich sie nicht einsetze.

     

    Körperbandage fürs Pferd: Wo kommt sie her?

    Als Linda Tellington-Jones für über 30 Jahren begann, ihre Art, mit Pferden zu arbeiten, in die Welt zu tragen, wurde sie oftmals seltsam angesehen – ihre Methoden waren in der Pferdewelt einfach zu seltsam. Es dauerte lange, bis sich ihre Methode über den Globus verteilte und sich in der Pferdewelt etablierte.

    Heutzutage kennt Linda Tellington-Jones fast jeder, zumindest ist der Name bekannt, auch wenn noch viele mit der Tellington TTouch Methode nicht so viel anfangen können.

    Die Körperbandagen sind ein fixer und wichtiger Bestandteil der Tellington TTouch Methode.  Sie ergänzen die Körper- und Bodenarbeit, lassen sich aber perfekt beim Reiten oder auch Longieren einsetzen.

    Der Einsatz der Körperbänder am Pferd, aber auch bei anderen Tieren sowie dem Menschen, basiert auf  Achtsamkeit: Das Verhalten des Pferdes wird aufmerksam beobachtet. Jede Anwendung und die darauffolgende Reaktion des Pferdes wird reflektiert und falls nötig angepasst.

    Das Ziel sollte immer sein, dass sich das Pferd besser fühlt.

    Welches Material verwende ich
    für die Körperbandage fürs Pferd?

    Körperbandagen für Pferde

    Als Körperbandagen für Pferde können jegliche Bandagen verwendet werden, die aus elastischem Material sind.

    Nicht geeignet sind also die aktuell sehr beliebten Fleece-Bandagen. Diese geben nicht nach und sind nicht elastisch.

    Optimal sind Bandagen aus der Humanmedizin, mit der Verbände oder Kompressen angelegt werden.

    Die optimale Breite der Körperbandagen für Pferde liegt zwischen 8 bis 10 Zentimeter, die Länge bei mindestens 2 Meter (optimal für die Kopfbandage) und maximal 4 Meter (super für die Körperbandage, die um den gesamten Körper des Pferdes gewickelt wird).

     

    Wer es gerne hübsch und bunt mag, kann mit Textilfarbe die hautfarbenen Humanbandagen einfärben. So macht das Einwickeln der Pferde gleich noch viel mehr Spaß 😉

    Die wenigen noch im Reitsporthandel erhältlichen Elastikbandagen mit fest vernähtem Verschluss aus Klett können aber genauso verwendet werden. Der fixierte Klettverschluss eignet sich hervorragend, um die Körperbandage beim Reiten zum Beispiel am Sattel zu befestigen.

    Wie wirkt die Körperbandage fürs Pferd?

    Eine Körperbandage fürs Pferd ist ein sanftes und nicht-invasives Hilfsmittel, um das Körperbewusstsein von Pferden im Gehen und Stehen zu verbessern.
    Sie wirkt auf der Ebene der Propriozeption. Propriozeption ist die Wahrnehmung des eigenen Körpers in Raum und Zeit –  das bedeutet die Integration von äußeren Reizen und Informationen auf Zellebene.
    Durch die Körperbandagen ist es uns auf sanfte Art und Weise möglich, die Haltung, Spannungszustände, negative Verhaltensmuster und Bewegungsabläufe zu beeinflussen. Es werden so neue Verhaltens-, Bewegungs- und Haltungsmuster möglich, durch die das Pferd neue Ideen für die Lösung eines Problems erhält.
    So können Körperbandagen das Selbstbewusstsein, die Selbst- und vor allem Impulskontrolle sowie die Selbstwahrnehmung verbessern. Zudem fördern sie durch die verbesserte Körperwahrnehmung in Folge auch Gleichgewicht, Balance und allgemein die Koordination.
    Körperbandagen helfen den Pferden, sich in ihrem Körper wohlzufühlen, gelassener zu werden und damit entspannter an neue Dinge heranzugehen.
    Mit Körperbandagen erhalten Pferdebesitzer eine tolle Möglichkeit, ihren Pferden zu helfen, sich besser zu fühlen, also allgemein deren Wohlbefinden und Allgemeinzustand zu verbessern.
     

    Welche Pferde profitieren am meisten von der Körperbandage?

    Körperbandagen wirken auf drei Ebenen:

    • Der psychischen, geistigen Ebene
    • Der körperlichen Ebene
    • Der emotionalen Ebene
    Körperbandagen, und hier speziell die Kopfbandage (siehe auch das Video „Praxistipp Kopfbandage“ auf Youtube), wirken Wunder bei nervösen und hektischen Pferden, die überall Gespenster sehen und sehr schreckhaft sind und allgemein angespannt und ängstlich wirken.
    Linda Tellington-Jones Aussage „Verändere die Körperhaltung eines Pferdes und es ändert sein Verhalten“ trifft bei den Körperbandagen zu 100 Prozent zu. Indem wir dem Pferd ein neues Gefühl für seinen Körper geben und ihm Alternativen aufzeigen, lernt es, auch sein Verhalten zu verändern.
    Ein schönes Beispiel sind Pferde, die durch Angst und Unsicherheit mit hoch getragenem Kopf umherstackseln. Diese Pferde sind unsicher, angsterfüllt und ohne Vertrauen. Durch die Kopfbandage können sie sich vermehrt auf ihre Kopfhaltung konzentrieren, spüren sich besser und lassen entspannt Hals und Kopf fallen. Ihre Körperhaltung verändert sich. In Folge wird sich ihr ängstlicher, angespannter Bewusstseinszustand verändern.
    Ein tief getragener Kopf ist für ein Pferd natürlicher: Mit tiefem Kopf wird gefressen und gedöst – das macht ein Pferd nur, wenn es entspannt ist.
    Mit Körperbandagen können wir dem Pferd also ohne Druck und Zwang auf sanfte, achtsame Art und Weise eine Alternative für sein Flucht- und Angstverhalten aufzeigen.

     

    Pinterest Blogbeitrag Körperbänder dunkel

    Die Anwendung der Körperbandage fürs Pferd

    Die Körperbandage fürs Pferd wird am besten an einem sicheren Ort zum ersten Mal angelegt. Bitte bei der ersten Anwendung das Pferd dabei nicht anbinden, damit es sich frei bewegen kann, sollten ihm die Körperbandagen ungeheuer sein.
    Das Allerwichtigste beim Anwenden der Bandagen: Du kannst nichts falsch machen!
    Du kannst deinem Pferd damit nicht wehtun (vorausgesetzt du schnürst die Bandage viel zu eng zu, sodass ein Blutstau entstehen könnte). Solange du die Bandagen so locker bzw. eng anlegst, dass sie nicht einschneiden, aber auch nicht leicht verrutschen können, wird dein Pferd immer davon profitieren!
     
    Bei der ersten Anwendung ist, dass die du die Bandage nicht gleich fest verknotest, sondern die Bandage nur mal festhältst. So kann sich dein Pferd in Ruhe an das anfangs ungewohnte Gefühl gewöhnen. Falls es hektisch oder ängstlich werden sollte, kannst du die Bandage loslassen und sie gleitet vom Pferd.
     
    Noch etwas Wichtiges: Vorsichtig mit herabhängenden und lose flatternden Enden. Das kann sensible Pferde erschrecken. Achte deshalb immer darauf, die Bandage so nah wie möglich am Pferd festzuhalten und flatternde Enden zu vermeiden. Achte immer auf die Sicherheit von dir und deinem Pferd! Sicherheit aller Beteiligten geht immer vor!
    Körperbandagen für Pferde anwenden

    Warum und wie wirkt die Körperbandage für Pferde?

    Warum und wie Körperbandagen für Pferde so besonders wirksam sind, ist nicht zu 100 Prozent geklärt. Zumindest gibt es noch keine wissenschaftlichen Studien darauf.
    Viele Physiotherapeuten bestätigen allerdings den Aspekt der sensorischen Wahrnehmung des Körpers (Propriozeption, siehe weiter oben). Je besser ein Mensch oder ein Tier seinen Körper in Raum und Lage in Abhängigkeit zu seiner Umwelt wahrnehmen kann, desto höher ist ein Gefühl für Selbstwirksamkeit.
    Je sicherer ein Pferd sich in seiner Umgebung fühlt, desto selbstsicherer und selbstbewusster ist es. Ein Pferd, das von der Emotion der Angst überflutet wird und nur mehr im Notmodus reagiert, hat keinen Bezug mehr zu seiner Umgebung: Die Hufe fliegen durch die Luft, der Kopf ist in der Höhe – es sind diese Situationen, in denen das Pferd seinen Körper nicht mehr in Raum und Zeit wahrnimmt, sondern nur mehr auf äußere Reize reagiert: Und das ist dann genau diese Situation, in denen uns das noch so höfliche Pferd auf die Zehen steigt und uns niedertrampelt.
    Indem wir mit Körperbandagen seine Selbst- und Körperwahrnehmung steigern, kann es sich wieder im umgebenden Raum orientieren und sich zurechtfinden – es fühlt sich sicherer und kann wieder klar denken.
    Das muss immer das Ziel des Menschen sein: Das Pferd sollte sich in jeder Situation selbstwirksam fühlen: Es soll bewusst nachdenken und überlegen können, bevor es etwas tut – ohne hektisch und kopflos auf äußere Reize zu reagieren.
    Körperbandagen sind dafür ein profundes Hilfsmittel!

    Wie wird die Körperbandage am Pferd angelegt?

    Kopfbandage am Pferd
    Körperbandage beim Reiten
    Körperbandagen für Pferde anwenden
    Körperbandagen fürs Pferd können auf vielfältige Art und Weise angewendet werden. Deiner Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Voraussetzung bei jeder Anwendung: Sei achtsam und vorsichtig und beobachte dein Pferd genau: Wie reagiert es auf die Bandage? Zeigt es Anzeichen von mehr Ruhe, Gelassenheit, läuft es locker und zufrieden oder zeigt es Abwehrverhalten nach einer gewissen Zeit, wirkt es plötzlich introvertiert und abwesend?
    Die meisten Pferde zeigen nach ca. 20 bis 30 Minuten, dass es genug ist. Dann sollte die Bandage auch abgenommen werden. Die ersten paar Einheiten mit Körperbandagen sind für viele Pferde, die noch wenig Erfahrung mit Körperarbeit haben, sehr intensiv, da sie mit einer ihnen völlig unbekannten Wahrnehmung ihres Körpers konfrontiert werden. Bei der ersten Anwendung sollte die Bandage nicht länger als 10 bis 20 Minuten verwendet werden. Die Erfahrungen, die das Pferd damit macht, können sehr intensiv sein.
    Viele Pferde sind nach der Anwendung der Körperbandage deshalb auch psychisch richtig müde und fertig. Dann sollte die Einheit beendet werden oder zumindest eine genügend lange Pause eingeräumt werden, damit die Pferde die vielen Informationen auch verarbeiten und in ihren Körper integrieren können. Die Wirkung der Bandagen können auch lange nachwirken!
     
    Möchtest du die Körperbandage bei deinem Pferd das erste Mal ausprobieren, lege ich dir mein Youtube-Video Praxistipp Tellington-Körperbänder ans Herz legen.
     
     
  • Pferde vor Hitze schützen: 5 coole Tipps

    Pferde vor Hitze schützen: Wissen ist besser als glauben!

    Pferde vertragen Hitze längst nicht so leicht, wie früher gedacht wurde. Auch wenn die Vorfahren unserer Pferde Steppentiere sind und (wie die Berber zum Beispiel in der marokkanischen Wüste) gut mit der Hitze umgehen konnten, sind unsere – durch Zucht und Haltung – zarter besaiteten domestizierten Hauspferde längst nicht mehr so robust, wie viele denken und müssen vor großer Hitze und Überhitzung geschützt werden.

    Pferde vor Hitze schützen bedeutet ein verantwortungsvoller Pferdehalter zu sein und Pferde vor Überhitzung, sei es durch direkte Sonneneinstrahlung oder Überlastung, effektiv zu schützen.

    Große Hitze setzt nämlichen den großen Warmblütern genauso zu wie den Ponys und Kleinpferden. Letztere sind sogar aufgrund ihrer Herkunft „Nordtiere“, das heißt kühlere Gefilde gewohnt und tun sich mit Hitze meist schwerer. Die Bezeichnung „Warmblüter“ lässt auch nicht den logischen Schluss zu, dass sie leichter mit Hitze umgehen können als die „Kaltblüter“. Diese Bezeichnungen beziehen sich nämlich auf das Gemüt, den Arbeitseifer der Pferde und nicht auf die Temperatur ihres Blutes 😉

    Verantwortungsbewusste Reiter wissen deshalb, dass auch bei großer Hitze ein Pferd schonend bewegt werden muss und auch Offenstallpferde keinesfalls auf Weiden ohne schattenspendende Bäume oder einen Unterstand untergebracht werden dürfen.

    Wenn die sogenannten „Hundstage“ im Sommer die Temperaturen weiter über 30 Grad klettern lassen und man selbst sich platt und müde fühlt, dann kann man davon ausgehen, dass auch Pferde ruhiger treten und sich schonen.

    Will der Reiter dennoch sein Pferd trainieren und reiten, sollten so grundlegende Dinge wie Beine kühlen und sanftes Abduschen nach dem Reiten, Reiten nur in den kühleren Morgen- oder Abendstunden und ausgleichende Fütterung von Elektrolyten und Salzen selbstverständlich sein.

    Hier jetzt aber 5 vielleicht ungewöhnliche, aber höchst effektive Tipps von mir, wie du dein Pferd vor Hitze schützen kann und es auch vorsorglich auf die große Sommerhitze vorbereiten kannst.

    1. Vorbeugende Fütterung: Weißdorn

    Besonders ältere und kranke Pferde leiden in der Sommerhitze besonders. Ihr Immunsystem ist meist schon angeschlagen durch Krankheiten oder einfach altersbedingt. Sie können nicht mehr so effektiv ihre Körpertemperatur herunterkühlen. Meist arbeiten Herz und Lunge bereits bei geringer Aufregung, Stress oder Bewegung vermehrt, um die Körpertemperatur konstant zu halten. Dies ist anstrengend und überfordert rasch den gesamten Kreislauf.

    Ältere, aber auch jüngere Pferde, die sehr sensibel sind, profitieren sehr von Kräuterfütterung. Weißdorn ist ein heimisches Gewächs, das in der Pferdefütterung älterer Pferde gerne eingesetzt wird. Es fördert den Kreislauf und stärkt insbesondere das (meist schon geschwächte) Pferdeherz. Es wirkt durchblutungsfördernd und erleichtert durch seine aktivierende Wirkung älteren Pferden die Zeit großer Hitze.

    Mein Senior Ronnie, der auf die 30 zugeht, tat sich diesen Sommer deutlich leichter mit Hitze mit der Zufütterung von Weißdorn. Er bekommt die getrockneten Kräuter einfach über sein normales Futter gestreut.
     
    * Bitte beachte, dass ich keine Ernährungsberaterin für Pferde oder ähnliches bin. Ich schreibe hier nur von meinen persönlichen Erfahrungen. Möchtest du mehr Informationen zur individuellen Fütterung deines Pferdes wende dich bitte an einen Futterexperten oder den Tierarzt deines Vertrauens.
    Pferd Überhitzung Weißdorn
    (c) Rosa-Maria Rinkl, wikicommons

    2. Kühlende Kopfbandage

    Wer sich bereits ein wenig mit der Tellington TTouch Methode auseinandergesetzt hat und damit in Berührung gekommen ist, weiß, dass wir Practitioner Bandagen nicht nur zum Schutz der Beine verwenden!

    Weiche, elastische (!) Bandagen werden in der Tellington-Methode eingesetzt, um dem Pferd zu mehr Körperbewusstsein und Körperwahrnehmung zu verhelfen. Indem wir in der Hitze des Sommers diese Bandagen (z. B. elastische Bandagen, erhältlich u. a. bei Loesdau, oder aus der Humanmedizin) unter kaltem Wasser nass machen, gut auswringen und dann verwenden, schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe:

    1. Benutzen wir das Körperband, wie die elastischen Bandagen in der Tellington-Arbeit genau bezeichnet werden, am Pferdekopf, fördern wir die Konzentration und Gelassenheit des Pferdes. Das Genick ist eine sehr oft sehr verspannte Region am Pferdekörper. Durch das sanfte Umwickeln des Genicks (und der Stirn, je nach Wickelmethode) lenken wir die Aufmerksamkeit des Pferdes auf diese Region und es kann so selbst Verspannungen lösen (z. B. durch Abkauen, Gähnen etc.).

    2. Der feuchte Stoff kühlt und bringt so in der heißen Jahreszeit zusätzlich Erleichterung ins Pferdetraining. In der Bodenarbeit verwendet lieben es Pferde, mit dieser feucht-nassen Bandage einfach nur ruhig dazustehen und über das Gelernte nachzudenken. Wie heißt es so schön: Immer ein kühles Köpfchen bewahren 😉

    Kopfbandage Hitze
    Mit kaltem Wasser befeuchtete Kopfbandagen helfen Pferden, ein kühles Köpfchen in aufregenden Situation zu bewahren!

    3. Bodenarbeit am Wasser

    Wenn die Hitze zu drückend und schwül wird, gebe ich meinen Pferden auch gerne einmal frei. Dann gibt es nur Weidegang in der Früh oder spätabends, wenn die Hitze ein wenig nachlässt und weniger Insekten herumschwirren, und ein oder zwei Mal am Tag eine kühle Dusche (vgl. weiter unten: Bonus: Die gesunde Pferdedusche)

    Möchtest du dennoch dein Pferde ein wenig bewegen, spaziere oder fahre mit dem Hänger an eine nahegelegene Wasserstelle an einem Fluss, Bach oder See. Schwimmen mit dem Pferd macht richtig Spaß, wenn das Pferd an das kühle Nass schonend gewohnt wird und nicht hysterisch im Wasser herumspringt.

    Pferde gewöhne ich an fließendes Gewässer prinzipiell vom Boden aus – außer es ist ein sehr ruhiges Pferd, das in einer ihm bekannten Herde in Ruhe hinterhertrotten kann und so im Zusammensein mit seiner Herde das Wasser kennenlernen kann.

    Mit einem Spaziergang zu einem nahen Wasser ist dein Pferd bewegt – ohne es in der glühenden Hitze überstrapaziert zu haben – und es wartet als Belohnung die Abkühlung im Wasser.

    Ich nehme dazu zur Sicherheit – auch beim noch so braven Pferd – einen Kappzaum und einen sehr langen Strick oder gleich die Longe. Mit Kappzaum und Longe kannst du deinem Pferd genügend Platz geben, sich vorsichtig an das Wasser heranzutasten. So brauchst du keine Angst zu haben, dass dir dein Pferd den Strick aus der Hand reißt, wenn es doch mal erschrocken vor dem ersten nassen Huf wieder nach hinten wegspringt.

    Geh du selbst voraus ins Wasser, lasse den Strick lang und dann warte. Lass dein Pferd vor und zurück gehen. Verhindere nicht, dass es rückwärts ausweicht. Pferde nähern sich „Gefahren“, als das Wasser zuerst mal angesehen wird, nach dem Prinzip „Annähern und weichen“: Sie tasten sich vorsichtig heran, schnuppern, weichen wieder zurück, sind doch neugierig, kommen wieder heran – und irgendwann folgt dann der erste Huf. Hat das Pferd bereits aus dem Wasser getrunken, dauert es nicht mehr lange, bis es auch mit den Hufen nachfolgt.

    Bis das Pferd völlig entspannt ins Wasser geht und dort auch ruhig steht, kann es ein paar Anläufe dauern. Sei aber nicht ungeduldig, wenn es beim ersten Versuch nicht gleich klappt. Meist gehts beim nächsten Mal gleich viel besser. Pferde benötigen viele Pausen, um das Gelernte zu verarbeiten und als ungefährlich einzustufen.

    Geht das Pferd brav ins Wasser kannst du vom Boden aus es nun vorsichtig wie zum Longieren um dich herumschicken – Aquatraining sozusagen. Grundvoraussetzung: Keine allzu großen Steine im Fluss oder Bach. Optimal dafür sind seichte Wasserläufe, Sandstellen oder einfach nur die Wasserfurt auf der Cross-Country-Strecke beim benachbarten Reiterhof!

    4. Ohren TTouch für Pferde

    Wenn du eines oder mehrere der folgenden körperlichen Anzeigen bei deinem Pferd bemerkst, kämpft dein Pferd bereits schwer mit der Hitze und ist vielleicht sogar schon überhitzt:

    • Lässt den Kopf hängen, Ohren hängen schlapp seitlich nach unten
    • Unruhig, läuft ständig herum, kann nicht stillstehen
    • Schwitzt ohne Anstrengung
    • Schlägt ständig mit dem Schweif
    • Hochgezogene Nüstern, verspannte Maulpartie, klar erkennbare dreieckige Form der Augen, Schmerzfalten rund um die Nüstern und ums Maul
    • Ist schlapp, bewegt sich nur schleppend
    • Atmet schwer, die Flanke hebt und senkt sich in schnellem Rhythmus
    • Weit geöffnete Nüstern wegen erschwerter Atmung
    Wie schon oben gesagt, können Pferde bei großer Hitze deutlich weniger leicht damit umgehen als vermutet. Zeigt dein Pferd bereits einige der oben stehenden Symptome, hat es bereits schwer zu tun mit der Hitze.
    Der Kreislauf des Pferdes läuft bereits auf Hochtouren, das Herz klopft schneller, die Atmung ist beschleunigt: Das Pferd droht zu überhitzen. Um neben den anderen oben angeführten Tipps deinem Pferd rasch HItzelinderung zu verschaffen, kannst du den Kreislauf mit dem Ohren TTouch aus der Tellington TTouch Methode wieder in Schwung bringen.
    Den Ohren TTouch kannst auch anwenden, bevor dein Pferd von der Hitze geplagt ist, um seinen Kreislauf in Gang zu halten und es so zusätzlich zu unterstützen.
     
    Der Ohren TTouch für Pferde aus der Tellington TTouch Methode kann dem Pferd auf mehreren Ebenen helfen:
    1. Physisch: An den Ohren sitzen viele Akupressurpunkte, die durch das Ausstreichen der Ohrmuschel angeregt werden. Damit kann u. a. der Kreislauf des Pferdes angeregt werden (bei Kolik, Kreislaufschwäche etc.) und können Verspannungen im Genick gelöst werden.
    2. Psychisch: Kopfscheue Pferde lernen, dass Berührungen an den Ohren angenehm sind, und lernen, sich zu entspannen.
    3. Emotional: Viele Pferde lieben den Ohren TTouch und genießen ihn. Die angenehmen Berührungen festigen die Beziehung zwischen Mensch und Pferd und stärken die emotionale Bindung.
     
    In der Sommerhitze kann der Ohren TTouch helfen, den Kreislauf des Pferdes wieder zu stabilisieren. Zusammen mit einer abkühlenden Dusche (siehe unten Punkt 5. Bonus) verhinderst du so, dass dein Pferd im schlimmsten Fall einen Kreislaufkollaps erleidet oder gar eine Kolik!

    Achtung!

    Für all meine Empfehlungen aber gilt immer: Diese Anwendungen ersetzen nie und nimmer die Konsulation eines Tierarztes. Wenn sich der Zustand deines Pferdes nicht verbessert, gehört immer ein Tierarzt gerufen, um Schlimmeres zu vermeiden! Mit dem Ohren TTouch kannst du die Wartezeit, bis der Tierarzt eintrifft, aber wunderbar überbrücken und so deinem Pferd Linderung verschaffen!

    5. Bonus: Wie du dein Pferd im Sommer korrekt abduschst

    Eine kühle Dusche bei Sommerhitze liebt fast jedes Pferd, das mit Vorsicht und Vernunft an das kalte Nasse aus dem Schlauch (der bösen, bösen Schlange!) gewöhnt wurde.

    Aus den Schläuchen an den Waschplätzen der meisten Ställe kommt eiskaltes Wasser. Nur wenige Ställe haben den Luxus eines großen Boilers, der es einem auch im kühlen Frühling oder Herbst oder sogar im Winter ermöglicht, sein Pferd mit (lau-)warmem Wasser abzuduschen.

    Gerade wenn Pferde im Hochsommer bereits stark erhitzt sind, schwitzen und von der Arbeit erschöpft sind, ist der Kreislauf sehr anfällig. Eine Dusche mit dem eiskalten Wasserstrahl überfordert in solch einem Moment komplett das Herz-Kreislauf-System des Pferdes. Du kannst dir das vorstellen, wie wenn dir viel zu heiß ist, du schwitzt und dann ohne vorangegangenes vorsichtiges Gewöhnen direkt mit eiskaltem Wasser übergossen wirst. Du wirst nach Luft schnappen, dein Herzschlag geht schneller, dein Puls schnellt hoch, und du hast mal kurz Schnappatmung, oder? Nicht gerade sehr angenehm. Denn der „Erfrischungseffekt“ tritt erst danach ein und meist schwitzt man nochmal ordentlich nach, weil der Körper das Signal erhalten hat, dass es zu kalt ist!!

    Da Pferde, was ihr Kreislaufsystem anbelangt, sehr sensibel sind, solltest du darauf achten, wie du dein Pferd abduscht. Beginne immer an den Hufen und lass dir Zeit! Nicht sofort den harten, kalten Wasserstrahl direkt auf die empfindliche Sattellage oder den Hals richten. Dein Pferd wird sich bei der Berührung durch das eiskalte Wasser instinktiv verkrampfen – für ein Reitpferd ein absolutes No go!

    1. Beginne mit dem rechten Hinterbein unten am Huf. Dieses Bein ist vom Herzen am weitesten entfernt. Arbeite dich dann langsam bis zum Sprunggelenk bzw. bis zum Knie nach oben.

    2. Mach mit dem linken Hinterhuf weiter und arbeite dich das Bein weiter nach oben.

    3. Spritze den rechten Vorderhuf bis hoch zum Ellbogen hoch. und gehe dann über zum linken Vorderbein. Erst jetzt bist du mit dem kalten Wasser am nächsten am Herzen dran, und der Kreislauf nun bereits an die kälteren Temperaturen gewöhnt.

    4. Nun kannst du das Wasser langsam vom Ellbogen hin zur Brust und über den Hals richten und weiter über die Gurtlage bis hoch zum Widerrist und in der Sattellage.

    5. Achtung: Den Kopf aussparen! Pferde sind bezüglich Wasser in den Ohren sehr empfindlich. Und das gelangt sehr schnell in die Gehörgänge, wenn das Pferd beim Abduschen den Kopf schüttelt. Den Kopf am besten mit einem nassen Schwamm von Schmutz- und Schweißstellen befreien.

    6. Auf jeden Fall mit einem Schweißmesser abziehen. So kann das Fell schneller trocknen – vor allem wichtig, wenn du nicht garantieren kannst, dass dein Pferd doch irgendwo in Zugluft gelangen und sich dann erkälten könnte!

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    Wie hilfst du deinem Pferd bei extremer Hitze?

  • Worauf es bei der Eingewöhnung eines Pferdes beim Stallwechsel ankommt

    So leicht es uns fällt, den Stall zu wechseln, so schwer fällt es dem Pferd.

    Die Eingewöhnung an eine neue Umgebung nach einem Stallwechsel kann für manche Pferde rasch ablaufen, die meisten Pferde haben damit aber mehr oder weniger größere Probleme.

    Pferde sind Gewohnheitstiere – täglich gleiche Abläufe geben Sicherheit, Situationssicherheit. Da Pferde in der Natur Beutetiere sind, das heißt von Raubtieren gefressen werden können, sind sie auf ein Maximum an Sicherheit gebunden, um ihr Überleben zu sichern.

    Diese einfachen Strukturen in der Natur muss ein Mensch immer im Hinterkopf behalten, sobald er mit dem Lebewesen Pferd zu tun hat. Egal in welchen Situationen – es hilft ungemein, sich der Natur des Pferdes (ein Herden-, Flucht- und Beutetier) immer wieder bewusst zu werden. Dies hilft, schwerwiegende Missverständnisse in der Kommunikation zu verhindern.

    Das Gewohnheitstier Pferd in einer neuen Umgebung

    In jeder neuen Umgebung oder Situation in freier Wildbahn muss der Pferd in Sekundenschnelle abchecken, ob Gefahren lauern: Könnte sich hinter dem Busch ein Raubtier verstecken? Ist das Wasserloch da vorne frei von Krokodilen? Ist es seicht genug, um darin zu stehen oder ist der Untergrund gefährlich und Fohlen könnten steckenbleiben? Ist die Rundumsicht gewahrt, sodass herannahende Raubtiere früh genug erkannt werden können? Und so weiter …
    Pferde in freier Wildbahn können ihr Überleben nur sichern, indem sie ständig ihre Umgebung scannen. Das Übersehen eines kleinen Signals (das Rascheln in einem Busch) kann verheerend sein: Der Tiger wird zu spät erkannt und kann sich im nächsten Moment das wehrlose Fohlen schnappen.
     
    Auch wenn wir Menschen Pferde über Tausende von Jahren domestiziert haben, seine Instinkte aus ihm herauszuzüchten ist bislang (noch) nicht gelungen. Wir Menschen müssen lernen, mit dem Urinstinkt der Pferde nach Sicherheit umzugehen. Der Instinkt nach der Gewährleistung von Sicherheit steht in der Bedürfnispyramide von Pferden sogar an höchster Stelle – noch vor Futter und Wasser!
    Sicherheit bietet auch die Herde: Eine intakte Herdenstruktur mit einem Leithengst und einer Leitstute gibt genauso Sicherheit für die niederrangigen Herdenmitglieder – an ihnen können sie sich orientieren, die anderen Herdenmitglieder bilden im Falle der Flucht vor einer Gefahr einen Schutzschild. Erst wenn ein Pferd vom Raubtier von der Herde separiert werden kann, ist es mehr oder weniger dem Tod geweiht. In der Herde ist jedes Pferd deutlich sicherer.
    Wissenschaftlich geprüfte Informationen sowie sogar einen Online-Kurs zum Thema Herdenverbände, ihre Strukturen und Instinkte von Pferden bietet der bekannte Tierfilmer Marc Lubetzki an: https://marc-lubetzki.de/Masterclass
     
    Diese Aspekte – Gewohnheitstier, Fluchttier und Herdentier – können unsere Pferde vor allem beim Verlassen von gewohnter Umgebung ganz schön stressen. Die Aufgabe von uns Menschen ist es, den Stress des Pferdes zu lindern, wenn es die gewohnte Umgebung (den Stall, den Reitplatz etc.) verlassen muss und in eine neue Umgebung kommt. Dabei fehlt dem Pferd die Absicherung durch gewohnte Herdenmitglieder und die sichere Umgebung, die bereits auf mögliche Gefahrenquelle gescannt wurde.
    Die neue Umgebung muss also nun nach neuen Gefahren und möglichen neuen Herdenmitgliedern, die Schutz suchen, geprüft werden.

    Hier kann der Mensch eingreifen und dem Pferd die Umgebungsänderung, wie es zum Beispiel bei einem Stallwechsel der Fall ist, erleichtern.

    Aus meiner Sicht sind bei einem Stallwechsel eines Pferdes für eine frustrationsfreie Eingewöhnung (auf beiden Seiten!) folgende Phasen wichtig:

    • Phase 1: Vorbereitungsphase: Die Zeit vor dem Stallwechsel
    • Phase 2: Akutphase: Ein Tag vor dem Stallwechsel und der Stallwechsel selbst
    • Phase 3: Eingewöhnungsphase: Die Zeit nach dem Stallwechsel

    In den jeweiligen Phasen kann der Mensch regulierend, vorbereitend, deeskalierend und richtungsweisend vorgehen, sodass das Pferd sich optimal in den neuen Stall und die neue Herde integrieren kann. Je umsichtiger, geduldiger, wohlwollender und verständnisvoller ein Mensch in diesen drei Phasen reagiert, umso entspannter verläuft die Eingewöhnung eines Pferdes bei einem Stallwechsel.

     

    Pferd Eingewöhnung Herde
    Bis ein neues Herdenmitglied so zufrieden und entspannt neben den anderen Pferden liegen kann, kann es Monate dauern.

    Phase 1: Die Vorbereitungsphase
    Die Zeit vor dem Stallwechsel

    Aus meiner Sicht ist die Zeit vor dem Stallwechsel – egal ob aufgrund einer Teilnahme an einem mehrtägigen Lehrgang oder Turnier, einem Wanderausritt oder einem tatsächlichen Stallwechsel – die wichtigste.

    Bereite ich das Pferd intensiv und umfangreich bereits auf den Umzug vor, erspare ich mir später viel Mühsal, wie ein unnötig gestresstes und damit krankheitsanfälliges Pferd sowie viele graue Haare und Nerven 😉

    Wie kannst du nun aber dein Pferd optimal auf den Stallwechsel und die Eingewöhnung vor Ort vorbereiten?

    1. Vorbereitendes Hängertraining

    Meiner jahrelangen Erfahrung nach entsteht der größte Stress bei einem Stallwechsel bereits bei der Hängerfahrt in den neuen Stall. Kennt ein Pferd das Hängerfahren nur wenig oder gar nicht, ist natürlich schon allein das Verladenwerden und die Fahrt in eine neue Umgebung Stress pur. Wird das Pferd im schlimmsten Fall immer nur dann verladen, wenn es in eine neue fremde Umgebung kommt, sollte wohl völlig klar sein, dass das Pferd nur ungern einsteigt! Diesem Stress kann man ganz einfach vorbeugen: Verlade- und Hängertraining. Das heißt, steht ein Stallwechsel früh genug bereits fest, kümmere dich rechtzeitig erstens um ein entsprechendes Zugfahrzeug samt Fahrer mit den entsprechenden Fahrberechtigungen (E zu B oder C bzw. CE) und um einen der Größe deines Pferdes entsprechenden Hänger. Ich persönlich bevorzuge immer Doppelhänger, auch wenn ich meist immer nur ein Pferd verlade. Mein Pferd in einem schmalen Einpferdehänger umgekippt auf der Seite liegen zu sehen, war bei mir kein schlechter Alptraum!

    Bist du dir bezüglich Hängertraining selbst noch sehr unsicher, dann hol dir lieber einen guten Trainer an deiner Seite, der deinem Pferd die Angst vor dem Hänger mit Geduld und genügend Sachverstand nehmen kann.

    Erst kurz vor knapp Hängertraining zu machen oder gar erst zum Tag des Stallwechsels ein Pferd ohne Hängererfahrung zu verladen, kann nur in einem Desaster enden, weil man vom alten Stall weg MUSS. Das erzeugt unnötig Druck, der zu 100 Prozent vom Pferd übernommen wird und zurecht dann das Einsteigen in den Hänger verweigert!

    2. Gewöhnung an unbekannte Reize

    Die Gewöhnung eines Pferdes an für es unbekannte und fremde Reize sollte eigentlich in der soliden Grundausbildung eines Pferdes selbstverständlich sein. In Bezug auf die Vorbereitung eines Stallwechsels kann man aber gezielt Elemente in die Bodenarbeit und das Vertrauenstraining einfließen lassen, die da wären:

    • Bei Ausritten immer wieder mal unbekannte Wege entlang reiten – schon allein das Betreten eines Weges aus der anderen Richtung kann für viele Pferde bereits Alarmglocken läuten lassen …
    • Auf fremden Reitplätzen (z. B. in der Nachbarschaft oder im Zuge von Lehrgängen oder Turnieren) reiten.
    • Zu fremden Ställen in der Nähe spazieren, das Pferd dort in der Umgebung ein wenig umschauen lassen und vielleicht sogar grasen lassen. So verbindet es ungewohnte Umgebungen mit etwas Angenehmem.
    • Zuhause immer mal wieder vorsichtig von typischen Routinen und Mustern abweichen: Das Pferd bewusst mal an anderen Putzplätzen anbinden und satteln, mal für eine Nacht in einen andere Box stellen etc.

    3. Vorbereitende Fütterung

    Pferde, von denen man weiß, dass sie zu heftigen Stressreaktionen neigen, wie z.B. hoch im Blut stehende Pferde oder durch traumatische Erfahrungen geprägte, profitieren enorm von einer gezielten Fütterung von Kräutern und Zusätzen, die nachweislich einen entspannenden Effekt haben.
    Hier seien nur als Anregung ein paar Heilkräuter genannt. Mit bewährten Kräutermischungen aus guten Versandhäusern macht man nie einen Fehler. Ganz sicher geht man aber immer, wenn man den Tierarzt oder einen Naturheilpraktiker nach Empfehlungen fragt, bevor man auf gut Glück Heilkräuter und Zusätze füttert.
    Ich habe sehr gute Erfahrungen mit folgenden Heilkräutern und Zusätzen bei zu Stress neigenden Pferde gemacht. Optimal beginnst du mit der Fütterung bereits 3 bis 4 Wochen vor dem geplanten Umzug:
    • Magnesium von Dr. Weyrauch: Magnesiummangel bei Pferden führt nachweislich zu Unruhe- und Angstzuständen. Vor allem Pferde, die viel geritten und trainiert werden, sollten regelmäßig auf ihren Magnesiumspiegel (Blutbild!) geprüft werden. Verspannungen und Muskelverhärtungen können Folgen von Magnesiummangel sein.
    • „Stresskräuter“ oder „Entspannungskräuter“ von z.B. pernaturam, Makana oder Krauterie. Hier werden vor allem Heilkräuter wie Baldrian, Hopfen, Melisse sowie Kamille verwendet.
    • In Absprache mit einem guten Homöopathen oder Tierheilpraktiker können auch auf das Pferd abgestimmte Globuli oder Schüsslersalze helfen.
    • Futterzusätze für stressgeplagte Pferde, die dopingfrei sind, gibt es auch bei deinem Tierarzt nach Wahl.

    4. Vermehrter Fokus auf Beziehungsarbeit

    Ein Stallwechsel kann auch als Chance gesehen werden: Durch den Umgebungswechsel und den damit verbundenen Stress sowie den möglichen Verlust von pferdigen Kumpels sucht das Pferd vermehrt die Nähe zum einzig gleichbleibenden Bezugspartner: Das bist du! Nutze diese Chance bewusst, um bereits im Vorfeld deinem Pferd dich als Sicherheitsanker und Ruhepol anzubieten:

    Vertrauensfördernde Bodenarbeitsübungen wie Gehen über Planen oder über Brücken hinweg (auch perfekt als vorbereitende Übungen fürs Hängertraining!) fördern das Vertrauen zwischen dir und deinem Pferd. Körperarbeit wie zum Beispiel aus der Tellington-TTouch-Methode, fördern Wohlbefinden und Stressresistenz deines Pferdes und bringen es in einen wohligen Allgemeinzustand, in dem es sich sicher fühlt. Außerdem findest du über Körperarbeit oder intensive Putzsessions heraus, was dein Pferd sehr gerne mag (z.B. Kraulen am Widerrist oder Ausstreichen der Ohren). Dieses Wissen kannst du dann in der stressigen Situation kurz vor dem Stallwechsel oder während der ersten paar Tage im neuen Stall direkt anwenden. Dein Pferd wird sich an diese wohligen Behandlungen erinnern und schneller wieder in einen ruhigen Zustand kommen.

    Phase 2: Die Akutphase

    Ein Tag vor dem Stallwechsel

    Einen oder zwei Tage vor dem Stallwechsel solltest du alles für Tag X vorbereiten.
    • Hängergespann ist vorbereitet (Fahrer, Gefährt etc.)
    • Umzugskartons sind gepackt: Alle sieben Sachen sind gepackt bzw. hast du schon vor Tag X übersiedelt. So ersparst du dir zusätzlich Stress und hast am Tag des Stallwechsels genügend Zeit, dich um dein Pferd zu kümmern.
    • Auf sich selbst achten: Tu dir selbst etwas Gutes und gönn dir was: Je ruhiger du an Tag X bist, desto mehr kann sich dein Pferd auf dich verlassen!
    • Dein Pferd körperlich auslasten: Boxenkoller am Tag des Stallwechsels ist ein absolutes No-go. Mach also mit deinem Pferd noch ein ergiebiges Training, einen langen Ausritt oder eine Ausdauereinheit an der Longe. Hauptsache, dein Pferd ist entspannt, weil es körperlich ausgelastet ist, und hat nicht noch zusätzlich am Tag des Stallwechsels Hummeln im Hintern!
    • Vermeide unnötige Änderungen kurz vor dem Stallwechsel: Also bitte nicht kurz vor dem Stallwechsel dein Pferd noch in eine neue Box mit neuem Boxennachbarn übersiedeln, anderes Futter füttern oder andere aufreibende, aufregende Sachen machen. Je entspannter dein Pferd in den nächsten Tag startet, desto besser!
     

    Tag X: Der Stallwechsel

    Und dann ist der da: Der Tag des langersehnten Stallwechsels!

    Vorab: Es ist wichtig, dass auch du so viel Ruhe und Gelassenheit an den Tag legst, wie du sie dir von deinem Pferd für diesen spannenden Moment wünscht. Es hilft also weder dir noch deinem Pferd oder allen anderen Beteiligten, wenn du hysterisch in Schnappatmung herumrennst und all nervös machst.
    Wenn du eher der nervöse Typ ist, versuche am Tag des Stallwechsels noch etwas zu tun, was dir guttut: Yoga, eine kleine Wanderung mit dem Hund, ein ausgiebiges Frühstück etc. Wichtig ist: Du solltest Ruhe ausstrahlen. Ansonsten riecht dein Pferd den Braten, bevor es überhaupt ans Verladen geht!
     
    Am Tag des Stallwechsel selbst, lege ich dir ans Herz, alles so zu planen, dass das ganze Prozedere erst am Nachmittag stattfindet – vorausgesetzt es besteht die Möglichkeit dazu.
    So hast du noch genügend Zeit dein Pferd vorher zu bewegen. Und damit meine ich nicht einen gemütlichen Spaziergang an der Hand rund um den alten Stall, sondern ruhig ein ausgiebiges Training.
    Je müder und ausgelasteter dein Pferd ist, desto weniger musst du dich in dieser eh schon stressigen Situation noch mit einem vor Boxenkoller herumhüpfenden Pferd herumärgern. Ist das Pferd körperlich gut ausgelastet, wird es sich weniger rasch von einem etwas nervöser als sonst wirkenden Besitzer verunsichern lassen noch vor der bevorstehenden Hängerfahrt und der Ankunft im neuen Stall.
     
    Optimalerweise kennt dein Pferd jetzt bereits das Verladen und geht brav in den Hänger. Eine ruhige Hängerfahrt ohne abrupte Brems- und Lenkmanöver setze ich jetzt mal voraus, damit dein Pferd nicht unnötig zusätzlich gestresst am Zielort ankommt.
    Vor Ort steigst zuerst du aus, nicht dein Pferd 😉 Damit meine ich, dass es besser ist, wenn du dich vor Ort erkundigst, ob die für dich reservierte Box (oder die Notbox in einem Offenstall) bereits vorbereitet ist. Optimalerweise bekommt dein Pferd am Abend im neuen Stall noch eine riesige Portion Heu mit Sichtkontakt zu den neuen Kollegen, sodass es bis spät in die Nacht mit Fressen beschäftigt ist und nicht später aus Hunger unruhig wird.
     
    Spätestens jetzt solltest du abgeklärt haben, wie alles im neuen Stall abläuft:
    • Wann wird gefüttert? Was wird gefüttert?
    • Wie wird die Eingliederung in die neue Herde vorgenommen?
    • Wie lange muss dein Pferd in der Eingliederungs-/Notbox bleiben, bevor es in den Offenstall kommt?
    • Kann dein Pferd bereits am nächsten Tag auf ein Paddock mit Kontakt zu anderen Pferden?
    Stelle sicher, dass dein Pferd zumindest eine Woche lang das gewohnte Futter vom alten Stall bekommt, um nicht noch Magen- oder Darmprobleme heraufzubeschwören. Am besten fütterst du ihm nach den Strapazen der Fahrt und des Stallwechsels jetzt eine angemessene Portion Mash, um Magen und Darm zu beruhigen.
     
    Füttere die Kräuterzusätze ruhig noch ein bis zwei Wochen nach dem Umzug weiter. Besonders in der Phase nach dem Stallwechsel ist noch lange Zeit alles für dein Pferd ungewohnt. Eine zusätzliche Unterstützung seines Nervenkostüms durch Kräuter oder andere Zusätze schadet in diesem Fall nicht.
     
    Vermeide es, nach der Ankunft deinem Pferd – vermutlich aus deiner  Vorfreude heraus – gleich alles zeigen zu wollen. Dafür hast du noch genügend Zeit in den nächsten Tagen und Wochen. Am Tag des Umzugs ist für dein Pferd jetzt erstmal wichtig, sein neues Zuhause – vorerst mal nur seine Box, seinen neuen Stall und gegebenenfalls ein paar Kumpels – kennenzulernen. Alles andere ist jetzt mal zweitrangig.
    Bitte beachte, dass ich hier die Eingewöhnung bei Stallwechsel für Pferde beschreibe, die selten auf fremden Terrain unterwegs sind wie z.B. Lehrgängen, Turnieren etc. Diese Pferde sind meist überaus gestresst und nervös bei allen Veränderungen. Routinierte Turnierpferde oder andere Pferde, die mehrmals im Jahr auf Ausflügen mit dem Hänger unterwegs sind, akklimatisieren sich vor Ort sehr schnell und sind rasch zufrieden, wenn es im neuen Stall eine weiche Einstreu, was zum Fressen und Trinken sowie pferdige Kollegen gibt … Nichtsdestotrotz profitieren auch solche Pferde von einer sorgfältigen Planung von Stallwechseln und einer möglichst sensibel gestalteten Eingewöhnungsphase.
     
    Pferd Stallwechsel Lehrgang
    Durch regelmäßiges Teilnehmen an Lehrgängen kann man das Pferd an den Umgang mit ungewohnten Situationen und Umgebungen gewöhnen.

    3. Phase: Die Eingewöhnungsphase

    Die ersten Tage und Wochen im neuen Zuhause sind für das Pferd anstrengend und sehr aufregend: Täglich gibt es Neues kennenzulernen und zu entdecken. Allein ein anderer Fütterungsablauf bedeutet schon Unruhe: Womöglich wird früher oder später gefüttert als im alten Stall, das Heu schmeckt anders, das Wasser auch. Es gibt Stroh- statt Späneeinstreu etc. Was für uns so banal klingt, sind für Pferde schwerwiegende Dinge, an die es sich zuerst wieder gewöhnen muss.

    Nochmals: Je dicker das Band zwischen dir und deinem Pferd ist und je sicherer und souveräner du es in der Vergangenheit durch ungewohnte und fremde Situationen gelotst hast, desto einfacher und unkomplizierter wird der Stallwechsel (und sei es nur für einen mehrtägigen Lehrgang). Übung macht in allem den Meister! Je öfter du in der Vergangenheit mit deinem Pferd in fremden Umgebungen warst, desto souveräner werdet ihr gemeinsam die spannende und aufregende Zeit der Eingewöhnungsphase meistern.

    Wichtig ist in der Zeit nach dem Stallwechsel vor allem eines: Geduld, Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen

    Ja, ich weiß. Ich wiederhole mich!

    Lass dir in den ersten Tagen und Wochen nach dem Stallwechsel Zeit. Zeig deinem Pferd nicht gleich alles an einem Tag, sondern gewöhne es langsam an seine neue Umgebung. Zeig ihm an einem Tag zuerst den Putzplatz, gönne ihm eine ausgiebige Putz- und Krauleinheit und dann lass es wieder zu seinen Kumpels. Das Training (außer es ist ein routiniertes Turnierpferd) würde ich in den ersten ein, zwei Wochen mal hintanstellen. Ist dein Pferd noch zu wenig gesettelt in der fremden Umgebung, wird sich euer Training sowieso zuerst mal nur wieder auf entspanntes Bodenarbeitstraining, ein wenig Longenarbeit oder Spaziergänge zum Erkunden der neuen Umgebung beschränken.

    Hast du das Gefühl dein Pferd fühlt sich ein wenig wohler, kannst du ihm mal die neue Reithalle oder den Reitplatz zeigen. Sei aber auch da immer einfühlsam und geduldig: Jede Ecke ist jetzt potenziell wieder ein neuer Ort für Raubtiere. Werde nicht ungeduldig mit deinem Pferd, wenn es in der Eingewöhnungsphase, die mehrere Monate, sogar bis zu einem halben bis ein Jahr dauern kann, vor bereits bekannten Dingen erschrickt: Es muss zuerst sondieren, ob Gefahr droht, deshalb ist dein Pferd in der ersten Zeit lieber übervorsichtig anstatt sich unnötig der Gefahr eines Raubtierangriffs aus der neuen, unbekannten Ecke der Stalleinfahrt auszuliefern (und das ist in jeder fremden Umgebung aus der Sicht eines Pferdes möglich!).

    Wie lange dauert es, bis sich ein Pferd in einem neuen Stall eingewöhnt hat?

    Diese Frage erreicht mich immer wieder.
    Leider haben nur wenige Menschen ein Gefühl dafür, was es aus Sicht eines Pferdes bedeutet, aus einer intakten Herde (und sei es nur aus der intakten Konstellation zweier freundlicher Boxennachbarn und Paddockkumpels) gerissen zu werden.
     
    Der Verlust der Herde (und für viele Pferde bedeutet „Herde“ leider nur das Vorhandensein von 1 oder 2 Boxennachbarn) kommt dem Pferd einer Todesszenerie näher: Ohne den sicheren Herdenverband ist es in der freien Natur Raubtieren ungeschützt ausgeliefert. Es ist auf sich allein gestellt und kann sich im Notfall nur selbst mit allen 4 Hufen gegen Raubtiere schützen. Es sind keine weiteren Augenpaare da, die die Umgebung nach Fressfeinden abscannen.
    Ganz wichtig: Ein Pferd weiß nicht, dass es im neuen Stall auch eine neue Herde geben wird.  Es kann nicht in die Zukunft sehen. Es lebt im Hier und Jetzt und weiß aktuell nur eines: Es wird von seiner Herde getrennt! Und das bedeutet Angst, Stress – manchmal sogar Todesangst.
    Das erklärt wohl auch, warum viele Pferde, die nicht mit genügend Verständnis an das Verladen und Verlassen des Stalles bei Ausritten herangeführt wurden, derart panisch werden und hysterisch wiehern oder sich losreißen und zurück zum Stall rennen.
     
    Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Die Eingewöhnungsphase nach einem Stallwechsel kann je nach Temperament und Charakter eines Pferdes mehrere Monate, wenn nicht sogar ein ganzes Jahr dauern!
     
    Mein Sensibelchen Cento hat lange Zeit nach seinem Umzug in unseren eigenen Stall mit Unsicherheit und teils panisch reagiert. Bereits das Anbinden an einem anderen Putzplatz brachte ihn aus dem Konzept, das Weggehen von der Herde war ein heilloses Losreißen und Zurückrennen und wenn seine Iman wegwar, wurde er sowieso kopflos.
    Mit viel Geduld und Rücksichtnahme kann ich jetzt nach 1,5 Jahren sagen, dass er endlich angekommen ist und er sich pudelwohl fühlt.
     
    Auch Indira, die bereits als junges Pferd zum Anreiten und später zum Beritt und für Turniere viel rumgekommen ist, hat sich in unserem Stall besonders schwer mit der Eingewöhnung getan: Sie kam von Boxenhaltung mit Weide in einen Offenstall mit Herde. Lange Zeit konnte sie sich nicht hinlegen und schlafen, was zusätzlich Stress bedeutete. Erst jetzt nach einem Dreivierteljahr haben wir das Gefühl, dass sie vollkommen in der Herde integriert ist, ruhig schläft und ihren Platz in der Herde und bei uns im Stall gefunden hat.
     
    Gib deinem Pferd die Chance, in aller Ruhe die neue Umgebung, neue Menschen und Situationen kennenzulernen. Als Gewohnheitstiere steht für Pferde Sicherheit an oberster Stelle: Misstrauisch wie sie als Fluchttiere nun mal sind, kann es schon seine Zeit dauern, bis es sich vollkommen an neue Situationen und Umgebungen gewöhnt hat.
     
    Das Wichtigste ist in der Eingewöhnungsphase, dass du als Bezugsperson deinem Pferd Stabilität, Vertrauen und „Anlehnung“ bietest. So ein Stallwechsel kann Potenzial für etwas Neues und Tolles in eurer Beziehung bedeuten.
    Nur weil dein Pferd in den ersten Monaten komische Dinge macht, dir „komisch“ vorkommt, bedeutet das nicht, dass eure Beziehung kaputtgegangen ist. Sie ist durch den Stallwechsel aktuell nur auf dem Prüfstand – und das lässt sich mit viel Geduld, Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen gekonnt und leicht meistern!
     

    Wie hast du deinem Pferd einen Stallwechsel erleichtert?

    Kommentiere diesen Beitrag und teile mit uns deine Tipps für einen stressfreien Stallwechsel und eine ruhige Eingewöhnung! Ich bin gespannt zu hören, was euch geholfen hat! Hilf mit deinem Kommentar mit, dass noch viele andere Pferdebesitzer entspannte Stallwechsel erleben können!

  • Gesunde Pferde durch Tellington TTouch: Mit wenig Aufwand im Alltag Krankheiten und Problemen vorbeugen

    Tellington TTouch für gesunde Pferde: Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden bei Pferden

    Gesunde Pferde – das wünschen wir uns alle. Die Gesunderhaltung und die Steigerung des Wohlbefindens von Pferden ist allerdings weder aufwändig noch kostet es viel. Durch einfach zu erlernende und sehr effektive Tellington TTouches ist es möglich, sich täglich an gesunden Pferden zu erfreuen.

    Dass nicht jedes Pferd Putzen als angenehm empfindet, hat eine Studie bereits bestätigt (siehe meinen Beitrag „Schockierende Studie: Die Hälfte aller Pferde hasst Putzen“). Warum nicht das Putzen dem Pferd als etwas Angenehmes vermitteln – und es dabei sogar noch gesunderhalten und sein Wohlbefinden steigern?

    Mit ein paar einfachen Handgriffen aus dem Tellington TTouch ist das möglich – und mit garantiert wenig Aufwand! Die TTouches lassen sich einfach ins Putzen integrieren. Man schlägt also zwei Fliegen mit einer Falle: Erstens muss man das Pferd sowieso vor dem Reiten putzen, zweitens kann man bereits beim Putzen das Pferd optimal auf seine Leistung unter dem Sattel vorbereiten – und so mögliche Probleme im Keim ersticken wie z. B. Verspannungen, weggedrückter Rücken, angespannte Halsmuskeln, Zähneknirschen, fehlende Konzentration etc. Zudem beugt man so Verletzungen, Rittigkeitsproblemen und auf lange Sicht gesehen Krankheiten vor.

    Mit Tellington TTouch bringst du dein Pferd in den Zustand von konzentrierter Entspannung und bereitest es so optimal auf das Reiten vor. Zudem wendest du dich ihm mit hoher Achtsamkeit zu, kannst rasch auf entstehende Verspannungen und Unwohlsein reagieren und so Stress unterm Sattel bereits im Vorfeld im Keim ersticken.

    Tellington TTouch im Alltag

    Tellington TTouch im Alltag: Hufe auskratzen - Beinkreise

    Bereits beim Hufe auskratzen kann etwas für die Gesundheit seines Pferdes tun. Auch hier kann man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

    Nicht nur, dass die Hufe vor Dreck und Steinen gesäubert wird. Man kann das Bein und all seine Gelenke bis nach oben in die Schulter bzw. Hüfte hinauf lockern und mobilieren.

    WOFÜR?

    In der Tellington-Methode sind die Beinkreise ein unglaublich hilfreiches und geniales Instrument. Mit den Beinkreisen werden alle Gelenke vom Hufgelenk über das Karpalgelenk bis nach oben in die Schulter und sogar bis in den Widerrist hinauf durchgelockert und mobilisiert. Da das Pferd dabei auf 3 Beinen stehen muss, übt man gleichzeitig auch noch seine Balance (hilfreich bei jungen, noch unausbalancierten Pferden bzw. bei Problemen mit dem Hufschmied/der Hufbearbeitung).

    WIE?

    Halte das Bein deines Pferdes wie zum Hufeauskratzen auf. Achte auf einen stabilen Stand und stütze eine Hand auf deinem Oberschenkel ab. So schützt du deinen Rücken und kannst die Beinkreise aus dem gesamten Körper herausmachen.

    Stell dir vor, an der Hufspitze ist ein Stift befestigt. Nun malst du mit dem Stift verschieden große Kreise auf den Boden, mal ganz nah am Boden, mal weiter oben in der Luft. Die Kreise solltest du ungefähr an der Stelle machen, wo das Bein am Boden gestanden ist.

    Beobachte, wie sich die kreisenden Bewegungen durch das gesamte Bein bis nach oben in die Schulter und je nach Beweglichkeit des Pferdes bis in den Widerrist und den Rücken fortpflanzt: So ist dein Pferd bereits vor dem Reiten in den Gelenken gut mobilisiert und hat bereits seine Balance geschult, bevor du überhaupt in den Sattel gestiegen bist.

     

    Tellington TTouch im Alltag: Beinkreise
    Nach dem Hufauskratzen helfen Beinkreise, die Gelenke im gesamten Bein zu mobilisieren.

    Tellington TTouch im Alltag: Schweif bürsten - Schweifkreise

    Den Schweif säubere ich entweder durch sanftes Verlesen mit den Fingern oder dem vorsichtigen Verwenden einer Schweifbürste. Da du bereits da den Schweif in der Hand hältst, gleitest du mit beiden Händen zur Schweifrübe nach vor und stützt sie von unten (wie auf dem Bild unten zu sehen) gut ab.

    Nun hebst du sanft den Schweif nach oben. Achtung: Nicht über einen etwaigen Widerstand hinaus. Merkst du, dass dein Pferd bereits ein Problem hat, sich am Schweif angreifen zu lassen, muss dein vorrangiges Ziel sein, dass dein Pferd das Berühren am Schweif akzeptiert und es später dann auch als angenehm empfindet.

    Die Schweifarbeit aus der Tellington-Methode ist eine unglaublich hilfreiche Übung, die man täglich ohne viel Aufwand ins Putzen integrieren kann.

    WOFÜR?

    Die Schweifarbeit ist sehr hilfreich für alle Pferde, die gesundheitliche Themen im Rücken bzw. in der gesamten Wirbelsäule haben. Der Schweif ist die direkte Verlängerung der Wirbelsäule. Indem du die Wirbel der Schweifrübe mobilisierst, wirkst du so auch auf alle anderen Wirbel in der Wirbelsäule. Die Muskulatur wird gelockert und das Pferd bekommt ein besseres Gefühl für seinen gesamten Körper. Gerade Pferde, die sehr schreckhaft sind und Angst haben vor allem, was sich ihnen von hinten nähert, profitieren enorm von der Schweifarbeit. Sie bekommen ein besseres Gefühl für ihren Körper im Raum und werden entspannter.

    Nicht umsonst ist ein locker getragener Schweif unter dem Reiter ein wichtiges Zeichen für die viel gewünschte, aber auch selten erreichte Losgelassenheit!

    WIE?

    Für die Tellington-Schweifarbeit nimmst du den Schweif und stützt ihn mit beiden Händen unterhalb der Schweifrübe ab (siehe Abbildung unten). Dann bewegst du die Schweifrübe vorsichtig in Kreisen um den Schweifansatz. Mache die Kreise langsam und behutsam und gehe über keine Widerstände hinweg. Wenn du achtsam bist, kannst du direkt sehen, wie das Pferd in seinem gesamten Körper bewegt wird und sanft mitschaukelt.

    Tellington TTouch im Alltag: Schweifkreise
    Mit dem Schweifkreisen aus der Tellington-Methode lockert man das Pferd von Kopf bis Schweif.
    Tellington TTouch Workshops

    Tellington TTouch im Alltag: Ohrenarbeit

    Meine Pferde lieben die Ohrenarbeit. Aber sie mussten – wie wahrscheinlich fast jedes Pferd – zuerst lernen, dass es angenehm ist, an den Ohren berührt zu werden. Dies ist für ein Pferd, das wir fürs Reiter „nutzen“ wollen, unabdingbar: Wir müssen über die Ohren das Halfter und das Zaumzeug streifen, wir müssen es am Kopf putzen u. v. m. Durch die Ohrenarbeit lernen die Pferde, wie angenehm es ist, an den Ohren berührt zu werden. Und zusätzlich tun wir ihnen etwas Gutes und fördern Gesundheit, Wohlbefinden und Leistung.

    WOFÜR?

    Die Ohrenarbeit wirkt aufgrund mehrerer Punkte:

    1. Am Ohr sitzen zahlreiche Akupunkturpunkte. Allen voran der Dreifache Erwärmer, der den gesamten Körper versorgt. Er schlängelt sich um die gesamte Ohrmuschel. An der Ohrspitze sitzt ein „Schockpunkt“. Ein Punkt der sehr hilfreich ist, wenn Pferde Kreislaufprobleme haben oder zu Koliken neigen. Mehr zu Tellington TTouch als Erste Hilfe bei Koliken kannst du hier nachlesen: Erste Hilfe bei Kolik

    2. Über das Ohr haben wir direkten Zugang zur Ohrspeicheldrüse. Diese wird durch ein entspanntes Kauen und Schlecken im Maul angeregt und produziert das „weiße Mäulchen“, hat also direkt Einfluss auf die Losgelassenheit des Pferdes.

    3. Über die Ohren erreicht man auch das Genick des Pferdes. Ein weiterer Ort, der für Rittigkeit und Losgelassenheit von enormer Wichigkeit ist.

    Du siehst also, dass man durch ein paar achtsame Berührungen an den Ohren ganz schön viel im Körper auslösen kann.

    WIE?

    Für die Tellington-Ohrenarbeit stabilisierst du mit einer Hand den Kopf deines Pferdes, während du dich schräg seitlich vor den Pferd stellst. Dann nimmt du mit der anderen Hand ein Ohr am Ohransatz in die Hand und streifst es mit sanftem Druck bis zur Ohrspitze aus. An der Spitze der Ohrmuschel kannst du kurz verweilen. Manche Pferde lieben es, ganz sanft und vorsichtig an den Ohren berührt zu werden, wieder andere genießen es, wenn die Ohren mit etwas festem Zug waagrecht langgezogen werden (siehe Foto unten).

    Bei Verdacht auf Kolik und Kreislaufthematik und zum Überbrücken der Zeit, bis der Tierarzt eintrifft, eignet sich Ohrenarbeit perfekt, um den Kreislauf des Pferdes wieder zu stabilisieren. Die Ohrenarbeit aktiviert den Meridian des Dreifachen Erwärmers und versorgt so den gesamten Körper und hilft ihm, sich wieder zu stabilisieren.

    Tellington TTouch im Alltag: Ohrenarbeit

    Tellington TTouch im Alltag: Auftrensen - Maularbeit

    Nicht nur Menschen drücken mit dem Mund zahlreiche Emotionen aus: Zähneknirschen bei Stress, Lachen bei Freude, Zusammengepresste Lippen bei Wut etc. Auch Pferde zeigen mit ihrem Maul viele Emotionen. Ein angespanntes Kinn beim Putzen spricht Bände, geblähte Nüstern genauso.

    Indem wir uns vor dem Auftrensen dem Maul liebevoll und achtsam widmen, beugen wir Verspannungen rund ums Maul und den Kiefer beim Reiten vor.

    Ein sehr intensiver Tellington TTouch ist die Maularbeit.

    WOFÜR?

    Durch sein Maul kann das Pferd zahlreiche Emotionen ausdrücken: Anspannung, Stress, Entspannung, Aggression, Verspieltheit etc. Wenn wir in den Sattel steigen, wollen wir ein entspanntes, freundliches Pferd. Wenn das Pferd bereits mit angespannten Lippen und steinhartem Kinn an der Aufstiegshilfe steht, können wir davon ausgehen, dass es im Sattel nicht besser wird. Ganz im Gegenteil.

    In der Maulregion sitzen sehr viele Nervenenden, die sehr sensibel auf Berührung reagieren. Es gibt sehr viele Pferde die Berührung am Maul nicht dulden und energisch den Kopf wegreißen. Hier sitzen tiefe Emotionen in der Maulregion. In der Tellington-Methode ist die Maularbeit ein effektives Tool um rasch Zugang zu den Emotionen des Pferdes zu erhalten.

    WIE?

    Bei der Maularbeit machst du vorsichtige Kreise mit dem Maul und den Nüstern. Vorsichtig nimmst du den Nüsternrand und kreist ihn sanft. Genauso verfährst du mit der Oberlippe und der Unterlippe, dann kreist du das Kinn sanft im und gegen den Uhrzeigersinn. Es geht weniger darum, dass du ein bestimmtes Muster in einer bestimmten Richtung einhältst. Es geht viel mehr um das achtsame Berühren und Bewegen der Maul- und Nüsternpartie.

    Tellington TTouch im Alltag: Maularbeit
    In der Maulregion liegen viele sensible Nervenenden: Mit dem Maul drücken Pferde zahlreiche Emotionen aus.

    Ich hoffe, du hast einen Einblick darüber bekommen, wie einfach und ohne viel Zeit- und Arbeitsaufwand die so hilfreichen und gesundheitsfördernden Tellington TTouches in den Alltag mit deinem Pferd eingebaut werden können.

    Nach ein paar Wiederholungen wirst du die Kreise an Ohren, Maul, Schweif und Beinen bereits ganz automatisch machen – ohne dich großartig konzentrieren zu müssen. Wichtig ist dabei aber nur, dass du immer mit viel Achtsamkeit und Bewusstheit an deinem Pferd arbeitest. Achte auf jede kleinste Reaktion deines Pferdes. Pferde flüstern ja anstatt „laut“ mit uns zu kommunizieren!

    Abonniere meine wöchentlichen Inspirationen für eine innigere Beziehung zu deinem Pferd, und ich schenke dir meinen kostenlosen Ratgeber „5 ungewöhnliche Tipps, wie du die Beziehung zu deinem Pferd verbesserst“.

  • Pferd mit Gurtzwang: 5 Tipps, um Gurtzwang zu beheben

    Gurtzwang beim Pferd: Was kann ich tun?

    Gurtzwang ist nicht nur für das Pferd sehr unangenehm, sondern auch für den Reiter auf Dauer eine Belastung. Er muss sich beim Satteln und Gurten ständig vor seinem Pferd in Acht nehmen, das im schlimmsten Fall beißt und schlägt. Das Pferd verknüpft Satteln und Gurten und in Folge das Reiten als etwas Unangenehmes.
     
    Doch das muss nicht sein!
     
    In diesem Blogbeitrag zeige ich dir 5 effektive Tipps, was du konkret bei Gurtzwang tun kannst.

    Unterschied zwischen Gurtzwang und Sattelzwang

    Gurtzwang bedeutet, dass das Pferd starke Ablehnung gegen das Gurten zeigt. Das heißt, es reagiert mehr oder weniger abweisend, wenn der Reiter den Sattelgurt um den Bauch des Pferdes schließen möchte.

    Sattelzwang wird oft synonym für Gurtzwang verwendet. Ich persönlich halte aber beide Begriffe klar auseinander. Beim Sattelzwang reagiert das Pferd bereits negativ, wenn sich der Reiter mit dem Sattel nähert und ihn auf den Rücken des Pferdes legt.

    Es gibt Pferde mit Gurtzwang, die noch kein Problem damit haben, dass der Sattel auf den Rücken gelegt wird. Erst das Durchgreifen unter dem Bauch zum Gurt und das Anziehen des Gurts löst Stress aus.

    Deshalb ist es mir wichtig, diese zwei Verhaltensauffälligkeiten klar voneinander zu trennen.

    In diesem Blogbeitrag geht es jetzt aber nur um den Gurtzwang.

    Wie zeigt sich Gurtzwang: Symptome von Gurtzwang

    Jedes Pferd ist individuell und reagiert anders. So können die Symptome für Gurtzwang von kaum sichtbar bis zu richtig heftig variieren. Erst wenn das Pferd wiederkehrend negativ auf das Gurten reagiert, kann man von Gurtzwang sprechen. Das heißt, es hat sich schon ein negatives Verhaltensmuster etabliert. Wenn ein Pferd einmalig auf das Gurten reagiert, muss das noch kein Gurtzwang sein. Es kann auch situationsabhängig gerade im Moment des Gurtens nach vorne mit dem Hinterhuf ausgeschlagen haben: eine Fliege, ein lästiger Boxennachbarn in der Stallgasse. Es heißt also – wie eigentlich immer – sehr achtsam zu sein und das Pferd genau zu beobachten.

    Bei den folgenden öfter auftretenden Symptomen deines Pferdes solltest du aufhorchen, wenn du nach dem Gurt greifst, ihn schließst oder nachgurtest:

    • Verspanntes Maul, hochgezogene Nüstern
    • Atmung verändert sich: Pferd hält Luft an oder atmet schneller
    • Angelegte Ohren
    • Schlagen mit dem Kopf
    • Deutliches Drohen mit Drehen des Kopfes nach hinten zu dir/zum Sattel
    • Im Moment des Gurtens: Schnappen in die Luft oder nach dem Strick, an Metall schlecken, an Holz knabbern
    • Drohen mit dem Hinterbein
    • Mit dem Hinterbein nach vorne treten
    • Dich abdrängen, auf deine Seite springen
    • Nach dir gezielt schnappen und beißen

    Symptome von Gurtzwang beim Reiten

    Ähnlich zeigen sich die Symptome von Gurtzwang auch beim Reiten:

    • Pferd läuft stark verspannt, hält sich fest, braucht sehr lange, bis es losgelassen geht
    • Pferd geht kaum vorwärts
    • Tritt, schnappt oder beißt nach dir, wenn du nachgurten willst
    • Im schlimmsten Fall kann das Pferd auch unkontrolliert losbuckeln oder steigen, um den unangenehmen Druck loszuwerden
    • Pferd wirft sich samt Sattel hin (dann ist aber wirklich Feuer am Dach!)

    Ursachen für Gurtzwang

    Die Ursachen für Gurtzwang sind so vielfältig, wie es Pferde gibt. Jedes Pferd ist anders und verknüpft Erfahrungen mit dem Sattelgurt anders.

    Häufig sind folgende Ursachen für Gurtzwang zu finden:
     
    • Hastiges und achtloses erstes Satteln/Gurten beim jungen, rohen Pferd
    • Unpassende Ausrüstung: Der Sattel kneift, die Schabracke scheuert etc.
    • Der Gurt passt nicht: Gerade anatomisch geschnittene Gurte müssen genau passen, sonst zwicken sie die Haut am Ellbogen ein. Gurt ist zu schmal/zu breit, ungepflegtes Material, kaputtes Leder etc.
    • Zu oft die höflichen Hinweise des Pferdes beim Gurten übergangen: Wenn die Hinweise eines Pferdes (Ohren anlegen, Kopf schlagen) auf falsches Gurten mehrmals ins Leere laufen, wird es immer mehr Abneigung gegen den Gurt aufbauen. Obwohl zum Beispiel vielleicht nur zwei oder drei Mal ein anderer Gurt ausgeliehen wurde, der nicht wirklich gepasst hat …
    • Das Pferd wird nicht auf das Satteln/Gurten vorbereitet: Drüberbürsten, Sattel draufklatschen, gurten und ab ins Viereck … Genau wie achtsames Putzen ist gute Vorbereitung beim Satteln und Gurten schon die halbe Miete beim Reiten.
    • Zu enges Gurten: Sehr oft sehe ich, dass der Sattelgurt zu schnell zu eng verschnallt wird. Stell dir vor, du musst einen Gürtel anziehen: Ohne Vorankündigung schnallt dir deine Freundin, die dir dabi hilft, den Gürtel knalleng zu, sodass dir fast die Luft wegbleibt. Kannst du dann einen Dauerlauf machen?
    • Magen-/Darmprobleme: Pferde mit Magen- und/oder Darmproblemen sind am Bauch sehr empfindlich. Klar, sie haben ja auch Bauchweh! Plötzlich auftretender Gurtzwang kann auch ein Symptom für Magenprobleme oder Darmprobleme sein.
    • Muskelverspannungen/Blockaden im Bereich der Rippen/Brustbein: Hier kann dir dein Tierarzt oder Physiotherapeut/Osteopath deines Vertrauens weiterhelfen.
     
     
    Gurtzwang was tun
    Pferde mit Gurtzwang müssen zuerst die negative, schmerzhafte Erfahrung des Gurtens löschen und eine neue positive Verknüpfung im Gehirn erstellen.

    Pferd mit Gurtzwang: Was kannst du konkret tun?

    Was kannst du jetzt konkret tun, um den Gurtzwang deines Pferdes zu beheben?
     
    Folgende drei Grundsätze gehen allen Übungen, die ich dir gleich zeigen werde, voraus:
     
    1. Analysiere genau, wie schlimm der Gurtzwang ausgeprägt ist.
    Reagiert dein Pferd verspannt, hält es die Luft an und bläßt sich stark auf? Oder tritt es gleich gezielt nach dir und du musst dich regelmäßig vor einem schnappenden Krokodil in Sicherheit bringen?
     
    2.  Kläre gesundheitliche Probleme vorher ab.
    Du kannst noch so oft die von mir unten angeführten Übungen machen – ohne Erfolg, wenn dein Pferd ein organisches Problem hat. Hast du den Verdacht, dass dein Pferd Schmerzen organischen Ursprungs hat (z. B. Kotwasser, wiederkehrende Koliken, Magengeschwüre oder Zysten und Rosseprobleme bei Stuten), kläre dies unbedingt vorher mit deinem Tierarzt ab!
     
    3. Bestrafe dein Pferd nie für Schnappen, Beißen oder Treten beim Gurten!
    Klar, ein Pferd sollte im Umgang mit dem Menschen nicht treten, beißen oder schnappen. Denk aber anders: Warum muss das Pferd das überhaupt tun? Was habe ich überhört/übersehen, dass das Pferd so deutliche Signale setzt? Außerdem lernt das Pferd bei Strafe nur, dass es nicht erwünscht ist, Schmerzen zu zeigen. Es driftet dann in eine erlernte Hilflosigkeit ab und kann sogar depressiv werden, also psychisch krank. Es wird dann zwar nicht mehr beißen oder schnappen, aber das löst nicht das Problem, dass das Pferd etwas Negatives/Schmerzhaftes mit dem Gurten verbindet. Eure Beziehung wird nachhaltig massiv gestört.

    5 Tipps und Übungen: So kannst du Gurtzwang beheben

    1. "Lecken der Kuhzunge"

    Der Tellington TTouch „Lecken der Kuhzunge“ ist meine absolute Lieblingsübung. Ich mache diesen TTouch bei allen Pferden und in fast allen Sitatuionen. Er ist einfach genial!
     

    2. "Pythonheber" mit dem Sattelgurt

    Der „Pythonheber“ ist ebenfalls ein Tellington TTouch. Hier verwende ich den Sattelgurt, um die „Pythonheber“ durchzuführen. Beim „Pythonheber“ hebe ich die Haut langsam an und lasse sie noch langsam wieder los. So kann sich das Nervensystem auf die Berührungen einstellen, die Berührung mit dem Sattelgurt wird als angenehm abgespeichert und das Pferd verliert seine Aggression gegen das Gurten.

    Abonniere meine wöchentlichen Inspirationen für eine innigere Beziehung zu deinem Pferd, und ich schenke dir mein kostenloses E-Book „5 ungewöhnliche Tipps, wie du die Beziehung zu deinem Pferd verbesserst“.

    3. Die Ausrüstung prüfen und optimieren

    Wenn die Ausrüstung, also Sattel, Satteldecke/Schabracke und Sattelgurt nicht optimal passen, kann dein Pferd das Satteln/Gurten mit der Zeit als unangenehm empfinden und sogar mit Schmerzen verbinden.
     
    Hat das Pferd bereits Gurtzwang, ist es enorm wichtig, die Ausrüstung auf ihre Passform zu prüfen:
     
    1. Der Sattel: Wenn schon der Sattel nicht passt, dann nützt auch der beste Gurt, der den Sattel an Ort und Stelle hält, nichts mehr. Bitte löse das Problem eines nicht passenden Sattels nie damit, dass du den Gurt einfach fester zuziehst. Wie oft habe ich zugeschnürte Pferde in der Reitstunde. Auf die Frage, warum der Sattelgurt so eng ist, höre ich sehr oft: „Sonst rutscht der Sattel nach vorn (oder zurück oder nach links/rechts …).“
    Ein Sattel ist wie ein Schuh: Passt der Schuh nicht (ist zu eng/zu groß), kann ich damit auch nicht auf einen Berg steigen oder einen Marathon rennen. Ich werde furchtbare Schmerzen haben. Und das Pferd muss bei mangelnder Passform nicht nur den Sattel ertragen, sondern auch noch das Reitergewicht tragen!
    Deshalb bitte: Prüfe deinen Sattel auf korrekte Passform. Ein guter Sattel liegt auch mit einem angenehm verschnallten Gurt noch richtig und rutscht nicht! Rutscht ein Sattel, passt er nicht!
     
     
    2. Satteldecke/Schabracke: Achte sehr genau darauf, wie die Schabracke/die Satteldecke unter dem Sattel zum Liegen kommt. Es dürfen sich keine Falten oder Knubbel bilden. Schmerzhafter Satteldruck droht! Und egal, was mal wehgetan hat: Dein Pferd merkt sich: „Schabracke scheuert, das tut weh. Sattel liegt genau da, wos wehtut. Gurt fixiert den schmerzhaften Sattel an Ort und Stelle. Also ist auch der Gurt doof!“
    Deshalb bitte: Schabracken regelmäßig waschen, die Fixierklettriemen an der Satteldecke/Schabracke auch verwenden, um ein Verrutschen zu vermeiden und „einkammern“, d. h. die Decke vorne nach oben ziehen, damit die Decke nicht am Widerrist aufliegt und scheuert.
    Bei Pferden mit empfindlicher Haut eventuell Lammfell- oder Kunstfellsatteldecken verwenden, um Scheuerstellen und abgebrochene Haare in der Sattellage zu vermeiden.
     

    3. Gurt: Die Passform des Gurts ist das Um und Auf! Je breiter der Gurt, desto besser verteilt er den Druck. Allerdings kann ich für ein eher schmales, rippiges Pferd keinen breiten Gurt verwenden. Anatomisch geformte Gurte müssen die richtige Länge und Form haben, sonst droht eingezwickte Haut hinter dem Ellbogen und Scheuerstellen oder gar offene Wunden. Auch das Material spielt eine wichtige Rolle: Pferde, die sehr sensibel sind, profitieren von einem Kunstfell-/Lammfellgurt. Ledergurte sind im Sommer angenehmer, weil sie einfacher zu putzen sind. Auch die Hygiene spielt eine Rolle: Ledergurte regelmäßig nach dem Reiten von Schmutz und Schweiß befreien, Fellgurte müssen öfter gewaschen oder zumindest mit Wasser abgespritzt werden.

    Gurtzwang beim Pferd: Was tun?
    Mit der Wahl des passenden Gurts ist ein erster Schritt in der Therapie von Gurtzwang getan.

    4. Korrekt gurten bei Pferden mit Gurtzwang

    Vorab: Korrekt gurten kannst du nur, wenn der Sattel passt.

    Der Gurt liegt korrekt, wenn im Stand noch ca. eine Handbreit zwischen Ellbogen und vorderster Gurtkante Platz hat. So kann das Pferd sein Bein frei bewegen, ohne ständig mit dem Ellbogen am Gurt anzustoßen.

    Hast du dein Pferd mit „Lecken der Kuhzunge“ und „Pythonheber“ auf das Gurten vorbereitet, ziehst du den Gurt nur so fest zu, dass der Sattel nicht verrutscht, wenn sich das Pferd bewegt. So kann sich das Pferd langsam an den Druck des Gurtes gewöhnen und fühlt sich nicht sofort wie eingeschnürt.

    Vor dem Aufsteigen führst du dein Pferd ein oder zwei Runden (am besten sogar einen ganzen Spaziergang lang oder zumindest einen Teil der Schrittphase). Das Pferd lässt dann  Luft aus dem Bauchraum, und du kannst entspannt nachgurten.

    Manchmal hilft es, dem Pferd eine Karotte oder ein Leckerli zu füttern, um es im Moment des (sanften!) ersten Angurtens ein wenig abzulenken.

    Nach dem Aufsteigen ist der Gurt korrekt verschnallt, wenn du ohne Probleme noch deine flache Hand zwischen Gurt und Bauch schieben kannst.

    5. Überprüfe die Haltung und Fütterung deines Pferdes

    Manche Pferde wirken grundsätzlich unzufrieden. „Der ist immer so“, „Der hat halt keinen Bock“, „Die ist einfach zickig“ hört man dann oft.
    Neben Gurtzwang zeigen solche Pferde auch noch andere Verhaltensauffälligkeiten: aggressiv dem Boxennachbarn gegenüber, futterneidig, extrem schreckhaft, sehen überall Gespenster etc.
     
    Hast du grundsätzlich das Gefühl, dass dein Pferd unzufrieden, schlecht gelaunt wirkt?
     
    Dann versuche, die Haltung und Fütterung deines Pferdes so weit wie möglich zu optimieren:
    Jederzeit Zugang zu Raufutter, Herdenhaltung, täglicher Auslauf (am besten in Gruppen sowie Tag und Nacht) sind für das Herden- und Lauftier Pferd nötig, um zufrieden und vor allem gesund zu bleiben.
     
    Ich habe sehr oft erlebt, dass Pferde, die von Boxenhaltung in einen Offenstall oder Paddocktrail mit Herdenhaltung gewechselt sind, sich völlig verändert haben.
    Und Verhaltensauffälligkeiten wie Gurtzwang, Aggression, Schreckhaftigkeit etc. lösten sich nach ein paar Monaten in Luft auf.
     
    Manchmal lohnt es sich, über den Tellerrand hinauszuschauen. Es ist mit den Pferden wie mit der Schulmedizin: Symptome allein zu behandeln, hilft nicht immer!
     
    Hat dein Pferd Gurtzwang? Was machst du, um deinem Pferd das Gurten angenehmer zu machen? Hast du noch weitere Tipps? Schreib mir gerne in die Kommentare.
  • Erste Hilfe bei Kolik: So linderst du die Schmerzen deines Pferdes

    Schmerzlinderung bei Koliken: Das kannst du tun

    Wenn ein Pferd Kolik-Symptome zeigt, schrillen bei jedem Pferdebesitzer die Alarmglocken, das Herz pocht schneller, tausende Gedanken und Horrorszenarien huschen durch den Kopf. Eine unbehandelte Kolik kann schließlich tödlich sein!

    Mir ging es letzten Sommer so: Bei jedem Anruf des Stallburschens hatte ich Herzklopfen: Bitte nicht schon wieder eine Kolik bei Cento! Bei der vierten Kolik innerhalb von zwei Monaten war ich dann schon viel ruhiger. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Die Stallburschen hatten schon den Tierarzt gerufen, dafür hatten sie die Erlaubnis von mir. Bis der Tierarzt da war, konnte ich eine Liste von Dingen abarbeiten, die Centos Bauchweh mildern konnten und seinen Kreislauf in Schwung hielten. So wurde die Kolik zumindest nicht schlimmer. In einem Fall konnte ich dem Tierarzt wieder abtelefonieren, weil es Cento wieder so gut ging. Ein anderes Mal kam der Tierarzt und fragte mich, was denn los sei. Dem Pferd fehle nichts (mehr).

    Wünscht du dir nicht auch, dass du in solchen Situationen ruhig und gelassen bleibst und souverän, weißt, was zu tun ist? Was du konkret tun kannst, um die Schmerzen deines Lieblings zu lindern? Ich bin so froh, dass ich das mittlerweile kann. Ich konnte damit schon vielen Pferden helfen, die Zeit bis zum Tierarzt ruhiger auszuhalten. – Und die Besitzer waren auch deutlich ruhiger … 😉

    Hast du den Verdacht, dass ein Pferd eine Kolik hat, brauchst du nicht nägelkauend hysterisch herumzurennen und dir tausend Gedanken zu machen, was wäre wenn … Das hilft deinem Pferd in diesem Moment auch nicht. Deshalb heißt mein erster Tipp ganz einfach: Keine Panik!

    Symptome richtig erkennen

    • Beobachte dein Pferd genau: Welche Koliksymptome zeigt es und in welcher Ausprägung? Ist es eher eine mildere Kolik oder hat das Pferd sehr starke Schmerzen? Das sind wichtige Vorabinfos für den Tierarzt für die weitere Behandlung.

    Wichtig: Egal wie abgeschwächt oder stark du die folgenden Symptome bei deinem Pferd wahrnimmst, du solltest so schnell wie möglich den Tierarzt anrufen!

    • Das Pferd ist unruhig.
    • Es scharrt mit den Hufen oder schlägt sich mit den Hinterbeinen gegen den Bauch, dreht sich mit dem Kopf mehrmals zum Bauch um.
    • Legt sich mehrmals hin und wälzt sich.
    • Atmet stoßweise und flach.
    • Frisst und trinkt seit längerer Zeit nicht mehr und äpfelt nicht ab.
    • Bei sehr starken Schmerzen ist die Bauchmuskulatur verkrampft, das Pferd macht einen „Katzenbuckel“.
    • Das Pferd schwitzt, ohne sich vorher angestrengt zu haben.

    Lerne dein Pferd genau kennen, lerne seine individuellen Gesichtsausdrücke und seine persönliche Körpersprache genau zu lesen. Je besser du dein Pferd verstehst und achtsam bist, desto früher kannst du eine beginnende Kolik erkennen und rasch reagieren!

    4 Handgriffe zur Schmerzlinderung, bis der Tierarzt kommt

    Die Wartezeit, bis der Tierarzt kommt – auch wenn es nur wenige Minuten sind -, kommen einem besorgten Pferdebesitzer wie Stunden vor.

    Um die Wartezeit zu überbrücken und deinem Pferd Erleichterung und Schmerzlinderung zu verschaffen, habe ich dir ein paar hilfreiche Handgriffe zusammengestellt. Alles, was du dafür benötigst, sind deine zwei Hände und ein größeres Handtuch.

    Ich liebe diese Handgriffe, während ich auf den Tierarzt warte. So habe ich das Gefühl, etwas Sinnvolles und Hilfreiches für mein Pferd zu tun. Ich muss nicht hilflos rumstehen und mir Sorgen machen, sondern ich kann selbst „Hand anlegen“.

    Es stehen dir folgende Möglichkeiten aus der Tellington-TTouch-Methode und Jin Shin Jyutsu (Strömen; Harmonisierung von Körper, Geist und Seele) zur Verfügung. Wird dein Pferd unruhig bei der Anwendung, gib dem Pferd die Möglichkeit, sich zu bewegen. Spazierenführen bei Koliken hält das Herz-Kreislauf-System in Gang.

    1. Ohrenarbeit

    Kreise die Ohren am Ohransatz sanft und streiche sie dann bis zur Ohrenspitze mit angenehmem Druck aus. Mache das ganze energisch und flott: Aufgrund der vielen Akupressurpunkte im Ohr bringst du damit den Kreislauf deines Pferdes wieder in Schwung.
    Aber Achtung: Mach die Ohrenarbeit nicht zu langsam, sonst erreichst du das Gegenteil!

    Linda Tellington-Jones (Erfinderin der Tellington-TTouch-Methode) „erfand“ diese tolle Art der helfenden Berührung, als sie instinktiv die Ohren eines völlig erschöpften Distanzpferd auf diese Art massierte und es so vor dem sicheren Tod rettete.

    Erste Hilfe bei Kolik

    2. Bauchheber

    Besorg dir ein langes, großes Badehandtuch. Notfalls kannst du auch eine (nicht elastische) Fleecebandage nehmen, Hauptsache, es ist ein längerer Stoff. Lege das Tuch auf ca. 10 bis 15 cm Breite zusammen. Dann bitte eine Freundin, sich dir gegenüber auf die andere Seite des Pferdes zu stellen. Nun macht ihr Bauchheber: Mithilfe des Handtuchs hebt ihr vorsichtig den Bauch des Pferdes an (minimal!) und zählt dabei bis 5. Dann zählt ihr von 10 auf 0 und lässt in dieser Zeit die aufgebaute Spannung am Handtuch wieder langsam weniger werden. So arbeitet euch den ganzen Bauch entlang: Vorsicht, falls das Pferd starke Schmerzen hat, könnte es nach euch schlagen! Deshalb sehr, sehr vorsichtig dabei arbeiten und das Pferd in seiner Körpersprache genau beobachten. Mehr zum Thema Körpersprache kannst du hier nachlesen.
    Der Bauchheber aus der Tellington-Arbeit hilft, die verkrampfte Bauchmuskulatur zu lösen und zu entspannen. Zudem entlastet dieser weitere Tellington TTouch den Rücken, ebenso wie der nächste TTouch:

    3. "Lecken der Kuhzunge"

    Bei diesem Tellington TTouch spreizt du deine Finger leicht und legst sie an der Bauchlinie an. Dann streichst du – aus deinem Körper heraus – Richtung Rücken. Auf Höhe Mitte Bauch drehst du deine Hand, sodass deine Finger nun nach oben Richtung Wirbelsäule schauen. Dann streichst du weiter bis zum Rücken hoch. Wiederhole diese Sequenz von vorn in der Gurtlage/Widerrist bis nach hinten kurz vor dem Schlauch/Euter.

    Dieser TTouch entspannt die gesamte Bauchmuskulatur, die bei einer Kolik stark verkrampft ist, hilft dem Pferd den Rücken anzuheben und beruhigt die Atmung.

    Bitte zuerst prüfen, ob das Pferd während einer Kolik am Bauch überhaupt angegriffen werden will!

    Ein Video zum „Lecken der Kuhzunge“ findest du auf meinem Youtube-Kanal:

    Video „Lecken der Kuhzunge“

    Ich freue mich, wenn du auf Youtube ein „Mag ich“ und ein Abo dalässt 😉

    4. Den Energiefluss wiederherstellen

    Mit Jin Shin Jyutsu (japanische Harmonisierungskunst der Energien in Körper, Geist und Seele, auch Strömen genannt) kannst du und deinem Pferd die Wartezeit verkürzen. Durch Jin Shin Jyutsu hilfst du deinem Pferd, sich selbst zu helfen, du regst die körpereigenen Selbstheilungskräfte an. Bei einer Kolik sind gewisse Energiebahnen im Körper blockiert. Durch das Halten von sogenannten Sicherheitsenergieschlössern bringst du die Energie wieder zum Fließen, der Körper kann sich selbst helfen. Ein rascher „Kolik-Strömgriff“ ist das gleichseitige und gleichzeitige Halten der Sicherheitsenergieschlösser 1 und 2 (siehe Abbildung 1, 2). Halte die 1 und 2 auf beiden Seiten mindestens 10 Minuten. Das bringt Erleichterung, wenn das Pferd starke Bauchschmerzen hat, es bringt alles wieder ins Fließen, in Bewegung.

    Erste Hilfe bei Kolik: Strömen
    Das Sicherheitsenergieschloss 1 oben am Kreuz-Darm-Gelenk auf der Kruppe
    Erste Hilfe bei Kolik: Strömen
    Das Sicherheitsenergieschloss 2 liegt innen am Knie.

    Mehr zu Jin Shin Jyutsu erfährst du auf der Website des österreichischen Vereins Jin Shin Jyutsu Österreich (www.jsj.at) und auf dessen Facebook-Account („Verein Jin Shin Jyutsu Österreich“). Im September findet in Thaur in Tirol das Symposium „Hands on“ mit tollen Kennenlern-Workshops und wissenschaftlich fundierten Vorträgen statt. Mehr dazu auch auf der Homepage des Vereins.

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